Amazonas. Fragmente.

Vor zwei Jahren bin ich von der brasilianischen Metropole Manaus den Amazonas flussaufwärts nach Kolumbien gereist. Der folgende Text enthält fragmentarische Erinnerungen an eine andere Welt.

Das Schiff, ein sogenanntes slow boat, ist das typische Verkehrsmittel des Amazonasgebiets, in dem die meisten Städte lediglich über das Wasser zu erreichen sind. Auf diesen dreistöckigen Flusskreuzern gibt es keine Kabinen. Stattdessen bringt jeder Gast eine Hängematte mit. In dieser werden die tage- und wochenlangen Überfahrten verbracht.

Eine Landschaft mit schlammigen Flüssen des Amazonas
Eine Landschaft mit schlammigen Flüssen des Amazonas

07.03.2018, Mittwoch 

Morgens, bevor es heiß wird, fahre ich mit dem Bus zum Hafen. Der Steg ist voller Menschen. Palettenweise werden Waren in den Laderaum verfrachtet, Bierdosen, Sojaöl, Autos, Stühle, Coca-Cola. Das erste Deck ist voll mit Familien und schreienden Kindern, ich gehe ein Stockwerk höher. Auf Stahlgitter an der Decke sind Reihen von Haken geschweißt, um die eigene Hängematte zu befestigen. Zwischen den Passagieren rennen Händler umher. Schreiend bieten sie ihre Waren an, Bananenchips, frittierte Schweinehaut, Bluetoothboxen, Kopfhörer, Schnüre. Einer der Schnurverkäufer sieht mich ratlos umherstehen. Gemeinsam befestigen wir meine Matte.

Mittlerweile ist auch das zweite Deck voll. Hinter mir liegen zwei junge Mädchen, eine spricht mich auf Portugiesisch an. Ihre Haare sind kurz, ihre Augen schwarz. Sie hat die unproportional langen Gliedmaßen eines Menschen, dessen Körper sich noch nicht entschieden hat. Wir unterhalten uns per Google Translate. Sie fragt nach meinem Namen, ich schreibe Leon. Das sei ihr zu kompliziert, sie fragt, ob sie mich Baby nennen kann. Wir müssen lachen.

Ich bin der einzige Gringo an Board. Ein zerrupfter Kerl tritt in die Mitte des Decks, in der Hand eine Bibel. Er fängt an daraus vorzulesen, wird immer schneller und lauter dabei. Mit irrem Blick deutet er auf einzelne Leute und schreit. Ich warte, wann ihn wohl jemand von Bord werfen wird. Doch als er fertig ist, fangen alle an zu klatschen. Zackig verbeugt er sich, die Augen noch immer weit aufgerissen, und verschwindet, ohne um eine Spende zu bitten. 

Als Letzte kommen die Açai-Verkäufer. Aus abgegriffenen Styroporboxen, die ihnen um die Schultern hängen, reichen sie den gefrorenen, dunkelvioletten Brei. Ich kaufe mir eine Portion und schaue auf den Steg herunter. Der ist jetzt voller Menschen, die zu den Passagieren hoch winken. Zwei durchtrainierte Matrosen tragen einen Betonmischer an Bord. Als der Laderaum geschlossen ist, fahren noch drei Pick Ups aufs Deck. Dann legen wir ab. 

Eine zackige Narbe verläuft über die Oberfläche, wo sich das schwarze Wasser des Rio Negro mit dem des schlammbraunen Rio Solimões mischt. Ich lehne an einem Stapel Rettungsboote aus orangenem Hartplastik und sehe der Stadt beim Verschwinden zu. Zwei Schnellboote kommen aus einem überwuchertem Seitenarm geschossen. Die Männer an Bord tragen Uniformen, Sonnenbrillen und halten Maschinengewehre im Anschlag. Mit grimmen Blicken mustern sie das Ufer. Ich bin im Dschungel angekommen. 

Immer wieder unterbrechen einzelne Grundstücke das bewaldete Ufer. Winzige Enklaven mit hellgrünem Rasen. Kleine Häuschen aus vergrautem Holz, viele bunt gestrichen. Jede Hütte steht auf meterhohen Stelzen, die Dächer aus rostigem Wellblech. Daneben ein paar Bananenbäume, manchmal Palmen. Vor den Häusern vertäut, im Wasser, liegen die schmalen Ruderboote ihrer Bewohner. An den Böschungen sieht man, wie hoch der Fluss in der Regenzeit noch steigen wird. Meterhoch ragen die Bruchkanten aus orangener Erde aus dem Wasser. Je länger wir fahren, umso seltener werden die Hütten. In den Kronen der Bäume sitzen bunte Vögel, sie singen und schreien in den Sonnenuntergang. 

08.03.2018, Donnerstag 

Zum Frühstück gibt es Weißbrot, Käse und Hotdogs. Dazu süßen Kaffee aus gelben Plastikthermoskannen. Dick wie brauner Sirup läuft er in meinen Becher. Nach dem Essen legen sich die meisten Fahrgäste wieder in ihre Hängematten und gucken dabei zu, wie das Ufer an ihnen vorbeizieht. Ich setze mich in die Sonne, ans Heck, gucke mit. Als ich mich mit Sonnencreme einreibe, steht das Mädchen vor mir, das mich Baby nennen will. Sie bedeutet mir mein T-Shirt auszuziehen und fängt an, mir den Rücken einzucremen. Irgendwann bewegen sich ihre Hände nicht mehr von meinem Nacken weg und sie fängt an mich zu massieren. Ihre Hände sind kalt, trotz der beißenden Hitze. Von meinen Schultern gleiten sie jetzt bis zu meiner Brust. Die Finger sind lang und dünn, die Nägel abgebrochen. Wie kalte Spinnen fahren sie mir über meine bleiche, behaarte Haut. Ihre Freundin steht neben uns, schaut zu und sagt kein Wort.

Etwas fühlt sich falsch an. Ich drehe mein Kopf zum Ufer, sehe die dünnen Stängel von Yuccapflanzen aus roten Erdhügeln sprießen. Ich frage mich, wie tief im Dschungel der unbekannte Gärtner wohl wohnt, während die eine weiter reibt und die andere weiter schaut. Wegsehen hilft nicht, mir wird es unerträglich zwischen den beiden. Mit diesem halben Kind, das sich daran gemacht hat, meinen Körper zu erkunden. Ich stehe ruckartig auf. „Sun too much!“, sage ich. Ich deute in den Himmel und klopfe mir mit der flachen Hand auf den Kopf, verdrehe die Augen. Die beiden lachen, ich gehe zurück zu meinen Sachen, ohne mich noch einmal umzudrehen. 

„You have to watch out for the girls! They is the most dangerous!“ kommt es aus der Hängematte neben mir. In ihr liegt ein großer, dunkelhäutiger Mann mit kurzen Haaren und Basketball-Jersey. Er ist Ghanaer und der erste Englisch sprechende Mensch, den ich auf dem Schiff treffe. Als er damals nach Manaus gekommen sei, habe ihn eine junge Frau verführt. Am nächsten Morgen sei er in einem Motel aufgewacht. Das Einzige, was man ihm gelassen habe, waren seine Unterhose und sein Pass. Ein Argentinier habe ihm damals wieder auf die Beine geholfen, ohne ihn wäre er verloren gewesen, sagt er. Danach sei er dreizehn Jahre lang Bulldozer gefahren, auf den großen Baustellen der Stadt. Seine Frau sei es schließlich gewesen, die ihm geraten hatte, einen Laden im Dschungel zu eröffnen. „There is good Money out there, let me tell you my friend!“ Jeden Monat fahre er mit diesem Schiff, Waren einkaufen in der Stadt. „If I just send an orda, they always send me something shitty! They neva give you da right quality!“ Dieses Mal mache er die Reise für Macheten, Bier und Gummistiefel. 

Als wir an einem der einsamen Häuschen vorbeikommen, frage ich ihn, wer die Menschen seien, die diese Hütten bewohnen. Glückssucher aus Nordbrasilien seien das, sagt er. Mit Indigenen hätten die nichts zu tun. „But man, they is very hard people, all of them!“ Wir würden dort nicht überleben, da sei er sicher. Im Dschungel gebe es große, braune Bienen, deren Stich jeden Menschen sofort in schweres Fieber stürze. Nicht mal genug Zeit, um nach Hause zu kommen bliebe einem. Und erst die Mosquitos. Und das alles ohne Strom. „Believe me, this is no life for you and me!“ Er schüttelt den Kopf und schnalzt leise mit der Zunge. 

Ob ich schon von den Piraten gehört habe, fragt er mich. Die ganze Flussstrecke sei in ihren Händen. „The police, they neva come here. We are too far out“ Vor drei Monaten erst hätten sie eine Engländerin überfallen und ermordet. Sie hatte den Amazonas alleine mit ihrem Kanu überqueren wollen. Auf Facebook habe sie sich sogar über die Warnungen der Einwohner lustig gemacht. Bevor die Piraten ihren toten Körper ins Wasser warfen, hätten sie ihr die Organe rausgeschnitten. Damit der Kadaver nicht nach oben treibe, wenn die Gedärme anfingen zu verwesen. Das machten sie immer so. 

Beim Mittagessen sitzen wir mit dem Kapitän und seinem Bruder am Tisch. Alle kennen den Ghanaer, er hat für jeden einen Witz parat. Es gibt Reis, Hühnchen, Bohnen, Farofa. Wir essen von Plastiktellern und teilen Softdrinks aus riesigen Plastikflaschen. Ich frage den Kapitän nach den Flusspiraten. Ja, die gebe es wirklich, sagt er, es würden immer mehr. Aber, graças a deus, er sei noch nie welchen begegnet. Als er Gott dankt, bekreuzigt er sich. Der ganze Tisch kreuzigt mit. Wenn ich wolle, könne er mir den Strand zeigen, an dem die Engländerin erschossen wurde. In einer Stunde kämen wir daran vorbei, gar kein Problem. Es sei ein wirklich schöner Strand. 

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Nachts trainieren die jungen Matrosen auf dem Oberdeck. Sie haben sich Hanteln gebaut, aus verrosteten Stahlrohren und ausbetonierten Dosen. Aus einem kleinen Lautsprecher krächzt Favela Funk. Als die Matrosen merken, dass ich sie beobachte, geben sie sich mehr Mühe. Mit aller Wucht reißen sie die Hanteln nach oben und schauen mit ernstem Blick geradeaus. Ich bleibe ein paar Meter von ihnen entfernt stehen. Ich traue mich nicht näher zu kommen, uns trennt eine unsichtbare Wand. 

Nachdem die Matrosen ihr Training beendet haben, ist es vollkommen ruhig auf dem Oberdeck. Dann gibt es nur das Brummen des Schiffes und das Schäumen des Flusses, den das Bug immerzu entzweischneidet. Der Himmel ist bewölkt heute Nacht, die Dunkelheit des Dschungels absolut, ein undurchdringliches Schwarz. 

Irgendwo aus dieser Dunkelheit dringt das Schreien eines Bootsmotors. Immer näher kommt das Geräusch. Ich schaue die Bordwand herunter und sehe ausgestreckte Arme, die vom Schiff aus auf den Fluss deuten. Irgendjemand unter mir ruft etwas, ich verstehe kein Wort. Als das Boot in Sichtweite kommt, lenkt dessen Fahrer ein und lässt sich parallel an uns herantreiben. Einer der beiden Männer an Bord des kleinen Boots klammert sich an einem der Autoreifen fest, die rund um das Schiff vertäut sind. Mein Herz fängt an zu rasen. Der andere Mann greift hinter sich. Erst jetzt sehe ich, dass auch eine alte Frau auf dem Boot sitzt. Sie gibt dem Mann ein Baby, er reicht es weiter an eines der Armpaare die sich aus dem Schiff strecken. Als Nächstes gibt er zwei Koffer hoch, am Ende heben sie die Alte selbst an Bord. Sobald die Frau aus dem Boot ist, lässt der erste den Autoreifen los und das kleine Boot treibt ab. Grußlos verschwinden die Männer in dem endlosen Schwarz der Nacht. 

09.03.2018, Freitag 

Die Duschen sind am Heck des Schiffs. Kleine Kabinen aus weißem Wellblech, unerträglich heiß und feucht. Das Wasser kommt direkt aus dem Fluss. Braun und warm plätschert es mir kraftlos über den Kopf, während ich die Heerscharen von Fliegen und Faltern beobachte, für die es nichts Schöneres zu geben scheint als die schwüle Hitze dieser Blechkisten. Die gigantischen Falter sind größer als meine Hand und schwarz. Die Kleineren sind dunkelgrün und geformt wie Blätter. Mein nackter Körper ist den Insekten herzlich egal. Träge schauen sie mir beim Einseifen zu. 

Den Tag über gibt es nicht viel zu tun. Die Mittagssonne ist so heiß, als wolle sie einem das Fleisch von den Knochen fressen. Also liegen der Ghanaer und ich in unseren Hängematten und schauen ans Ufer. Wir reden über Ghana, Brasilien, scharfes Essen, Frauen. Ab und zu spuckt einer von uns in hohem Bogen über das Geländer in den Fluss. Nachmittags kommen wir an einer Gruppe frisch gestrichener Holzhütten vorbei. Zwischen den bunten Hütten steht eine Kirche, ein winziges, gemauertes Häuschen mit spitzem Turm. Neben der Kirche steht ein Holzpfahl. Auf ihm sitzt ein riesiger, roter Papagei. Mit einer Kordel hat man seine Beine an den Pfahl gebunden. Laut krächzt er über das Wasser zu uns herüber. Ich schaue den Ghanaer an, er zuckt nur mit den Achseln. 

Abends laufen wir die erste Stadt an. Die sei ein gefährlicher Ort, sagt der Ghanaer. Alles, was an Kokain aus Kolumbien komme, werde hier umgeschlagen. „There is many many murders!“ Wir haben uns an das Geländer gestellt und schauen beim Anlegen zu. Ich sehe vor allem Familien. Kräftige Männer mit Cowboyhüten und Pick-ups, die ihre Liebsten abholen und eine endlose Menge an Gegenständen in Empfang nehmen. Mit Bergen von Schaukelstühlen, Getränkedosen und Verwandten auf den Ladeflächen fahren die Wagen die schlammigen Wege zurück in die Stadt. Eine Familie lädt eine Matratze auf ihr schmales Ruderboot, danach setzen sie eine alte Frau darauf und rudern davon. Bei jedem Ruderschlag wackelt das kleine Boot ganz fürchterlich. „People around here is so stupid!“, sagt der Ghanaer und schnalzt mit der Zunge. 

Nachts stehe ich auf dem Oberdeck und rauche. Der Himmel ist verhangen, es gibt keine Sterne. Irgendwann beginnt es zu blitzen. Beinahe waagrecht ziehen die pinken Lichter über den Himmel. Für eine Sekunde erhellen sie die Baumkronen, spiegeln sich gleißend auf den Wellen und verschwinden dann wieder spurlos. Keinem einzigen Blitz folgt ein Donnern. 

Ein junger Kerl kommt zu mir gelaufen, wir nicken uns zu. Ich lösche meinen Joint schnell zwischen meinen Fingern. Er sei der Maschinist auf diesem Schiff, erklärt er mir. Auch ihn frage ich nach den Piraten. Ja, man höre da viele schlimme Geschichten. Er selbst ist ihnen noch nicht begegnet. „Graças a deus“ sagt er und bekreuzigt sich. Die Köpfe in den Nacken gelegt schauen wir den Blitzen zu. Nach dem wir ein wenig stumm nebeneinander gestanden haben, verabschiedet sich der Maschinist. Er muss zurück an die Arbeit. „Happy meeting you“ sagt er und gibt mir die Hand. Sie ist schwer und rau, der Händedruck ein kurzes, festes Kneifen. Als er weg ist, versuche ich meinen Jointstummel wieder anzuzünden, aber der Wind bläst ihn mir aus der Hand. 

10.03.2018, Samstag 

Morgens verknoten die Passagiere ein Sammelsurium an Dingen in pinke Plastiktüten und werfen sie über Bord. Neben uns im Wasser warten Ruderboote. Auf ihnen sitzen Kinder, lange Ruder in ihren winzigen Händen. Sobald eine der Tüten im Wasser landet, schießen die Kinder mit geübten Stößen auf sie zu und werfen sie in die Boote. Ihre hellen Stimmen schreien vor Vergnügen. Die Passagiere lachen und winken ihnen zu. Hier sei eine der ärmsten Siedlungen der Region, erklärt der Ghanaer. Normalerweise habe er auch immer ein paar Geschenke dabei, aber dieses Mal habe er es einfach vergessen. Lange nach dem wir an ihnen vorbei sind, stehen die Kinder aufrecht auf ihren Booten, winken, mit beiden Armen über dem Kopf, und schreien uns hinterher. 

In der Nacht setze ich mich an den Bug des Schiffes und leuchte mit meiner Taschenlampe über das Ufer. Eine Frau setzt sich zu mir. Ich kenne sie vom Mittagessen. Sie ist Physiotherapeutin und kann nicht schwimmen. Ich sage ihr, dass ich nach Krokodilen suche. Ihre Reptilienaugen spiegelten das Licht, hatte man mir gesagt. Immer wieder streift der Lichtstrahl einzelne Fischer, manche in ihren Ruderbooten, andere hüfttief im dunklen Wasser, die Netze in den ausgestreckten Armen. „Very brave men“, sagt die Physiotherapeutin. Als ich bereit bin aufzugeben, werde ich fündig. Halb im Wasser versunken liegt ein riesiges Krokodil, gleißend rot reflektiert sein golfballgroßes Auge. Wie gebannt leuchte ich es an, bis das Schiff an ihm vorbeigezogen ist. Schlagartig wird mir bewusst, wie weit weg ich bin, von einfach allem. Wie lange ich schon kein Handysignal mehr habe. Wie grenzenlos dieser riesige schlammfarbene Fluss ist. Wie tödlich der Dschungel, der ihn umgibt. Vor Freude endlich eines der Biester gefunden zu haben kneift die Physiotherapeutin mir ins Bein. „So big!“, ruft sie. Und ich, ich tue so als hätte ich keine Angst. 

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