99 Fragen an die Kunstpraxis

Collage: Elena Dorn,
Messedamm Dorn Klasse Streuli

Die Klasse Streuli arbeitet dieses Semester an einem Gemeinschaftsprojekt, welches die Kunst nach draußen bringen soll, weil es gerade kein Drinnen für die Kunst gibt. In einer Reihe von Spontanausstellungen werden künstlerische Praxen von Hängung und Zugang hinterfragt, sichtbar gemacht und teils offen gelassen. Die Ausstellungen finden im Laufe des Semesters an verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Zeiten statt und sollen für eine spätere Veröffentlichung dokumentiert werden.

Die Infrastruktur, derer sich Kunst bedient, fällt während der Pandemie zunehmend weg. Kunst und deren Konsum verlagern sich auf private Sphären, Netflix und Co ersetzen Vernissagen und Museumsbesuche. Das Analoge wird zum Digitalen. Das „Haptische“, der direkte Zugang zur Kunst, der eines ihrer Alleinstellungsmerkmale ist, fällt plötzlich weg. Neue Formen des Ausstellens entstehen gefühlt stündlich: es gibt Ausstellungen in digitalen white cubes, digitale Rundgänge und Vernissagen auf Instagram und anderen Onlineplattformen, Führungen per Livestream oder Webcam. Der white cube wird online zu einem neuen Bedeutungsraum, der die Kunst ihrem Kontext teils noch mehr entfremdet. Für die Kunstschaffenden ergeben sich hierdurch eine Unmenge an Fragen, deren Beantwortung jedoch auch kreatives Potential freisetzen kann.

Photo: Elena Dorn

Eine Konsequenz aus der Pandemie ist, dass die Interaktion mit dem Publikum entfällt. Doch wieviel Öffentlichkeit braucht Kunst, um als solche (an)gesehen zu werden? Ist eine Meinung eine Meinung, wenn sie nicht artikuliert wird? Nimmt die künstlerische Praxis in Zeiten der Pandemie ab? Es gibt kaum oder weniger Ausstellungen. Ist auch der Anreiz, Kunst zu schaffen, geringer, da es kein (physisch anwesendes) Publikum gibt? Wird Kunst erst zur Kunst, wenn sie ein Publikum hat? Ist Kunst also eher eine Praxis, eine Gewohnheit? Ist es das Prozesshafte, was eine Arbeit erst ausmacht? Ein Großteil der Gedanken, die in die Entstehung einer Arbeit fließen und immanent für den Arbeitsprozess sind, wird letztlich nicht umgesetzt oder ist für die Betrachter*innen als solches nicht erkenntlich. Ist die Arbeit letztendlich im besten Sinne eine Art „Abfallprodukt“ des Schaffens an sich? Und wann entsteht Kunst, wo endet sie im Produkt?

Ist eine Arbeit überhaupt jemals fertig? Und wenn ja, wo fängt sie an und wo hört sie auf? Ausgehend von dem Gedanken, dass das letztlich Sichtbare die Arbeit an sich darstellt, was mache ich dann mit dem Unsichtbaren? Wie wird das Verworfene sichtbar? Was ist die Arbeit, die auf der anderen Seite steht, die nicht sichtbar gemacht wird? Wenn man Stillleben in der klassischen Tradition als Darstellung toter bzw. regloser Gegenstände betrachtet – was ist dann kein Stillleben? Sind wir gerade selbst die Stillleben, unfähig, im Außen zu agieren, da das Außen eine neue Form von Gefährlichkeit impliziert? Wieviel Zeit unseres Lebens verbringen wir gerade im Innern, da das Außen nicht zugänglich ist? Was steht hinter dem Bild, das es letztendlich nach Außen schafft?

Photo: Elena Dorn

Wie sehr beruht Kunst auf dem inneren Ausdruck? Reize und Input von außen sind für die meisten Leute gerade auf ein Minimum reduziert, dies scheint jedoch für viele Künstler*innen existentiell, um einen künstlerischen Ausdruck überhaupt erst entstehen zu lassen. Doch sind diese vielen Reize nötig für den künstlerischen Ausdruck? Ist nicht die Ruhe gerade förderlich für einen konzentrierten Output? Wenn man nichts mehr hat, womit man sich im Außen beschäftigen könnte, fällt man auf sich selbst zurück. Dies kann im ersten Moment Angst machen, bietet jedoch auch vollkommen neue Perspektiven auf und Herangehensweisen an das eigene Kunstschaffen.

Wo stellen wir aus, wenn wir keinen Zugang zu institutionellen Räumen haben? Kunst online anzubieten oder auszustellen, sie jederzeit abrufen zu können, wie es bei einer Onlineausstellung der Fall ist, macht sie zwar einerseits barrierefreier für das Publikum, andererseits wird sie auch irgendwie beliebig dadurch. Wäre es dann nicht ein größeres Statement, gar nichts zu zeigen, quasi einen leeren virtuellen Raum zu schaffen? Andererseits will man die eigenen Arbeiten natürlich auch zeigen, da das Publikum und die Möglichkeit, Arbeiten zu zeigen, sowieso extrem eingeschränkt sind. Ich glaube, hier geht es darum, widersprüchliche Eindrücke nebeneinander existieren zu lassen, diese Ambivalenzen zuzulassen und Ambiguitäten auszuhalten und irgendwie produktiv umzusetzen.

Inwiefern können Kunst(ausstellungen) also neben geschlossenen Institutionen wie Galerien und Museen auch in Zukunft weiter existieren? Covid-19 wird sicherlich nicht das letzte Virus sein, das eine komplette Industrie in die Knie zwingt. Der Kontext lädt die künstlerische Arbeit mit Bedeutung auf. Bereits der Transfer einer Arbeit in einen Ausstellungsraum verändert diese Bedeutung. Was bedeutet es dann, wenn Kunst nicht innerhalb des Ausstellungsraums gezeigt wird? Verändert sich ihre Bedeutung? Inwiefern verändert sich eine Arbeit in dem Moment, in dem sie aus ihrem Umfeld (Atelier oder Ausstellungsraum) genommen wird? Was passiert, wenn die Hängung zweitrangig wird? Wenn die Kunst im Freien aufgehängt wird, oder nicht als solche gekennzeichnet ist? Das Ausloten der Möglichkeiten einer Ausstellung außerhalb institutioneller Räume eröffnet hier neue Freiräume. Man betrachtet die Arbeiten anders, neue Geschichten können erzählt werden. Die Kunst kann „spazieren gehen“, losgelöst von bedeutungsschwangeren Kontexten.

Zudem eröffnen sich hierdurch neue Möglichkeiten für die Betrachter*innen. Der Zugang zu Bildender Kunst wird möglicherweise niederschwelliger. Aktiv an einer Ausstellung teilzuhaben oder sie mitzukuratieren bedeutet für mich, dass ich mich genau diesen Fragen stellen muss. Kann ich diese Widersprüchlichkeiten in der Welt, in mir selbst, in den Betrachter*innen irgendwie ans Publikum kommunizieren? Findet sich vielleicht jemand darin wieder? Dies gibt Raum für Dialog und Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Galerien und Museen fungieren teils als Barriere. Nicht jede Person hat Zutritt dazu, ob durch soziale oder körperliche Einschränkungen. Wie zugänglich ist Kunst eigentlich, wenn nicht gerade Corona ist? Wie kann ich eine Ausstellung kuratieren, die für alle Interessierten gleich zugänglich ist? Welche Probleme erfahren Besucher*innen in institutionellen Ausstellungsräumen? Der Kunstbetrieb ist immer noch auf den weißen, heterosexuellen Mann ausgerichtet. Wie bewegen sich Menschen in Ausstellungen, wie leicht wird ihnen der Zutritt gemacht, wenn sie dieser Beschreibung nicht entsprechen?

Wie kuratiert man eine Ausstellung, ohne direkt miteinander in Kontakt zu stehen? Viele Fragen können heutzutage über das Internet gelöst werden, doch für die Kuration der Arbeiten und die Hängung ist ein direkter Austausch zum Glück unumgänglich. Kein Livestream der Welt kann dir sagen, ob eine Malerei gut neben einer Skulptur aussieht, wenn man sie nicht direkt vor sich hat, man sie nicht in der Gruppe besprechen kann. Dies lässt sich teils auf Darstellende Kunst übertragen. Ein Kinofilm, die Aufzeichnung einer Theaterpremiere können im Internet gestreamt werden, doch ersetzt dies wirklich das Gefühl, sich gemeinsam in einen Kinosaal zu setzen, gemeinsam einen Abend im Theater zu verbringen?

Photo: Elena Dorn

Der öffentliche Raum könnte als neuer Freiraum für die Kunst trotz Corona-Krise fungieren. So könnte Kunst auch wieder zum Gemeinschaftserlebnis werden. Mark Rothko sagte 1947: „Ein Bild lebt in Gemeinschaft, indem es sich in den Augen des einfühlsamen Betrachters entfaltet und dadurch in ihm auflebt. Es stirbt, wenn diese Gemeinschaft fehlt.“ Diese neuen Arten der Infrastruktur sollen die gewohnte nicht ersetzen, sondern sie vielmehr ergänzen. Eine Art Kunst im öffentlichen Raum, aber zeitlich begrenzt und an wechselnden Orten; spontane Ausstellungen, Ausstellungen an ungewöhnlichen Orten.

Scroll to Top