„Almost There – Fast da, fast geschafft.“

Gerade jetzt werden physische Ausstellungsmöglichkeiten immer seltener. So ist es umso schöner zu erfahren, dass sich die beiden Studierenden der Bildenden Kunst, Isabella Bram und Tim Leimbach, zusammengetan haben, um im Projektraum 145 auszustellen.

Ausstellungsansicht, Foto: Tim Leimbach

„Almost There- Fast da, fast geschafft“ – der Titel löst bei mir viele Assoziationen aus. Was waren eure Assoziationen und Ideen zum Ausstellungstitel?

Isabella: Der Titel beschreibt für mich eine positive Ambivalenz. Einerseits löst “Almost there” die Idee von etwas Greifbaren aus, etwas das fast erreicht ist, worauf hingearbeitet wurde. Andererseits spielt der Titel mit der Tatsache des Unerreichten. Dieses Unerreichte ist offen und im Prozess. Das scheinbare Ziel kann weiterhin verändert, negiert und bearbeitet werden. 

Tim: Zunächst war der Titel eher eine Reflexion auf den eigenen Prozess, bevor mir die weiterreichende Bedeutung bewusst wurde. Als Künstler*in steht man oftmals vor den Fragen: Bin ich soweit? Braucht es mehr Zeit, mehr Beschäftigung mit einem Thema, sind meine Arbeiten stark genug? Und der Titel “Almost There” spielt eigentlich ein wenig mit dieser steten Unsicherheit. Die Ausstellung so zu nennen, heißt, zu wissen, dass ich immer dem Ideal des fertigen Werkes hinterherrennen werde und ist somit ein Zwinkern an alle, die die selben Sorgen umtreiben. Im Gespräch mit Isabella wurde mir dann aber auch die sehr aktuelle Bedeutung bewusst, die diese Haltung eines “fast geschafft, fast angekommen” beschreibt. Wir leben in einer Zeit, in der wir kollektiv auf eine Wiederherstellung des Normalzustandes warten. Ob das jemals wirklich passieren wird, sei dahingestellt.

Fokussiert ihr euch in euren Arbeiten auf ein Medium beziehungsweise würdet ihr euch als Maler*in oder Bildhauer*in bezeichnen?

Isabella: Ich habe ursprünglich ausschließlich gemalt, das hat sich in den letzten Jahren verändert. Nun arbeite ich bildhauerisch und installativ. Bestimmte Aspekte aus der Malerei spielen bei meinen Arbeiten allerdings immer noch eine große Rolle. 

Tim: Ich bin Maler. Nichts hat mich bisher so gefordert und der Verzweiflung nahegebracht wie die Malerei. Die unendlich scheinenden Möglichkeiten im Umgang mit der Materie, aber auch dem Ausdruck, die einem in der Malerei offenstehen, sind für mich so unerschöpflich, dass ich mich schwer tun würde, zugunsten einer anderen Praxis diesem Feld mit weniger Aufmerksamkeit zu begegnen. Ich habe eine andere Leidenschaft, nämlich die Musik. Zum Glück ergänzen sich aber diese zwei Kunstformen eher, als dass sie sich im Weg stehen.

Grafik, Michael Hazel

Wie sieht euer Arbeitsprozess aus?

Isabella: Meine Arbeitsweise ergibt sich aus der Tätigkeit mit unterschiedlichen Techniken und Materialien. Ein großer Bestandteil ist dabei das Herstellen eigener Objekte, deren Beschaffenheit ich teilweise selbst wähle. Deshalb ist es mir sehr wichtig immer in einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit meiner Arbeit zu stehen, wie das aussieht, ist sehr verschieden und hat oft auch etwas sehr alltägliches. 

Tim:
Ich habe mir angewöhnt, morgens um acht Uhr aufzustehen, und versuche, gegen elf Uhr im Atelier zu sein (ja, ich lasse mir dann doch reichlich Zeit, um wirklich entspannt dort anzukommen). Ich habe zumeist mehrere Bilder, an denen ich gleichzeitig arbeite. Diese stehen oder hängen bereits an der Wand, so wie ich sie am Vortag verlassen habe. Der Boden ist öfters übersät von Skizzen, Studien und farbigen Papierschnipseln, die ich als Inspiration für Farbkompositionen verwende und teilweise beim Herausgehen noch einmal kurz zu einer kleinen Collage zusammenlege. Außerdem liegen in einem Karton um die zwanzig Skizzenbücher zur ständigen Verfügung, die ich nacheinander durchblättere, wenn mir in einem Bild ein Fixpunkt wie eine Figur, oder eine Struktur, eine Linie oder Richtung fehlt. Es kommt selten vor, dass ich allein ausgehend von einer Skizze streng ein Bild durchkomponiere, da die Größe und das Material der Leinwand einen anderen Umgang, eine andere Reaktion von mir erfordern. 

Gab es durch die Umstände der Pandemie Momente, die sich auf euren Arbeitsprozess ausgewirkt haben? Wie zum Beispiel Momente von positiver Entschleunigung oder auch Demotivation?


Isabella: Ich kann klar sagen, dass die Zeit der Pandemie sehr viele unterschiedliche Phasen bezüglich des Arbeitsprozesses bereithält. Gelernt habe ich vor allem, dass es immer irgendwie weitergeht, auch wenn man in einer großen Sackgasse steckt. Einen eigenen Raum zum Arbeiten zu haben, weiß ich nun noch mehr zu schätzen. 


Tim: Ich hatte, wie ich erkennen musste, innerlich fast schon auf eine Situation wie diese gewartet. Die allgemeine Ruhe und “Insichgekehrtheit”, die ich während der ersten Pandemiemonate erlebt hat, war -natürlich explizit aus der Sichtweise einer Person, die bislang keine persönlichen, schmerzlichen Berührungspunkte mit dem Virus hatte – fast schon ein Genuss. Ich kann nicht behaupten, dass ich auch nur einmal einen Moment der Demotivation erlebt hätte. Ich denke, es tut gut, mal wieder auf sich zurückgeworfen zu werden, reflektieren zu müssen, und sich nicht ständig an dem Wettrennen um Aufmerksamkeit, Erfolg und vermeintlichem Glück beteiligen zu müssen/können.

Was schätzt ihr jeweils an der Arbeit oder dem Arbeitsprozess der/ des jeweils Anderen?

Isabella: An Tims Arbeitsprozess weiß ich seine Konsequenz und intensive Auseinandersetzung mit dem Medium an sich zu schätzen und vor allem den Mut eine Malerei von Null auf Hundert nochmal komplett neu zu denken. 

Isabella Bram, Gartenparty, Maße variabel, Kunstleder, Porzellan, PET, Plexiglas, Keramik, Knete, Papier, 2020

Tim: Ich habe Isabella vor vier Jahren als Malerin kennengelernt. Dass sie seit einiger Zeit den Weg ins Dreidimensionale gewagt hat, hat mich ziemlich begeistert, nachdem ich zuerst ihre großen, an Architektur erinnernden, Installationen aus farbiger Pappe in ihrem Atelier gesehen habe. Das Gefühl für Raum, Farbigkeit und vor allem der Mut zu einfachen, aber ausdrucksstarken Formen, hat mich beeindruckt. Demgegenüber stehen filigrane, aus Ton gebrannte Alltagsobjekte, die sie ihrer ursprünglichen Funktion enthebt und die für mich vor allem in ihrer unerwarteten Haptik interessant sind.

Was sind Themen, Menschen, Künstler*innen, Filme, Musik oder anderes, die euch gerade interessieren oder faszinieren und die ihr mit uns teilen wollt?

Isabella: Aktuell interessiert mich vor allem die Arbeit mit Textilien und die Frage, warum englische Gärten extra angelegt werden, um besonders naturbelassen zu wirken und wie sich Räume und darin befindende Gegenstände gegenseitig beeinflussen?


Tim: Während ich an diesem Interview sitze, höre ich die Klaviermusik der Impressionisten, allen voran Debussy. Zuletzt habe ich mir die Ausstellung von Franziska Beilfuß im Centre Bagatelle (29.10.20 – 17.01.21) angesehen. Ihre durchweg abstrakten und großformatigen Leinwände sind die Ladung an Farbe, die einem durch den Winter hilft. Ich habe mit ihr zusammen im Atelier gearbeitet, und muss sagen, dass mich ihre Ruhe und Gelassenheit im Arbeitsprozess sehr ermutigt haben, auch mal auf die Bremse zu treten, und einen Schritt zurückzugehen.

Tim Leimbach, 150 x 120cm, Eitempera auf Leinwand, 2020

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Die Ausstellung ist vom 3.12-14.12.2020 im Projektraum 145 in der Invalidenstraße 145, 10115 Berlin zu sehen. (Mi-So, 13- 19 Uhr, By Appointment)

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