body as prothesis

Mit einer selbstverständlich wirkenden Konsequenz untersucht Jonas Büßecker den ästhetischen Moment von Spannung. Sein Interesse liegt im Wirkungsfeld jenes Moments — der Leerstelle, dem Fehlenden, der Lücke zwischen Raum und Körper.

Jonas Büßecker:
Body As Prothesis
Absinthia Absolut I.

Der 1990 geborene Künstler und Kunsttherapeut lebt und arbeitet seit 2016 in Berlin. In seinen raumgreifenden Installationen und körperbezogenen Skulpturen thematisiert Büßecker die Abhängigkeit zwischen Raum und Körper. Ein integraler ästhetischer Bestandteil seiner Arbeit ist Bewegung, obgleich sich in den Kompositionen meist gar nichts bewegt. Beim Betrachten vollzieht sich zwangsweise ein Ablauf vor dem inneren Auge der Betrachtenden, ein Was-passieren-könnte. So scheint es dem Künstler ein Anliegen zu sein, das sich stetig Verändernde zu verstehen und ästhetisch erfahrbar zu machen. In body as prosthesis verfolgt Büßecker in gewohnter Konsequenz die Entgrenzung besagter körperlicher Spannung und der seiner Arbeit immanenten Bewegung. Der menschliche Körper ist hier nicht mehr nur Bezugsgröße, er wird zu einer tatsächlichen Komponente der Installation. Die Arbeit lässt sich nicht mehr nur noch betrachten, sie selbst betrachtet auch. Eine Addition zu seinen früheren Arbeiten sind die Performer, die die installative Konstruktion von Büßecker erst vervollständigen. Der Körper wird nicht mehr nur durch seine Abwesenheit thematisiert, er wird mit anderen, im Raum anwesenden Körpern konfrontiert. Ein Versuch, die Trennung zwischen der Kunst und den Betrachtenden weiter zu entgrenzen.

Jonas Büßecker:
Body As Prothesis,
The Darvish III.

Ausgehend von der bildhauerischen Perspektive auf Mode, welche den Körper formt, verhüllt und Proportionen verschiebt, nutzt Büßecker in seiner aktuellen Ausstellung eine Art installatives Bühnenbild, um einen Raum für die Zusammenarbeit mit Performance-Künstler[*inne]n aus der Berliner Drag-Community zu öffnen. Diese Performance-Künstler[*innen] wissen um die Möglichkeit, ihren Körper als Instrument einzusetzen, um Alter Egos und spielerische Illusionen über Aussehen, Geschlecht und Macht zu erzeugen. Jenes dem Genre Drag implizierte Verständnis des Umgangs mit dem eigenen Körper macht die Zusammenarbeit mit den Drag-Performer[*inne]n für Büßecker so spannend.

Die Kunstform Drag nutzt Kleidung, Make-Up und Bewegung, um gängige Geschlechterrollen zu inszenieren und diese gleichzeitig zu hinterfragen. Diese subversive Praxis hat ihren Ursprung in der Schwarzen queeren Subkultur, der Ballroom-culture des Harlems (NYC) der 70/80er Jahre. Auf diesem historischen Fundament der LGTBIQ*-Bewegungen, die von überwiegend Schwarzen Trans*- Personen erdacht, erkämpft und etabliert wurde, interpretieren in Büßeckers Arbeit Absinthia Absolut, The Darvish und KatanaSix dieses Genre in einem neuen zeitgenössischen Kontext.

Plakat zur kommenden Ausstellung am 10. Juli 2021

Durch die Entgrenzung dieser Kunstformate untersucht Jonas Büßecker in Kollaboration mit den genannten Drag-Künstler*innen, wie sehr wir uns Objekte und Gegenstände aneignen müssen, um den eigenen Körper zu optimieren. Gemeint sind jene Objekte, die aus einer alltäglichen Perspektive lediglich als Erweiterungen unserer Körper scheinen – Schuhe werden Erweiterungen der Füße, Kleidung der Haut und der Computer eine Erweiterung des Gehirns. In body as prosthesis dreht der Künstler diese Situation um und stellt die Frage, wie sehr der Körper nicht nur als Bezugspunkt, sondern als Erweiterung – als Prothese – in der Kunst und der uns umgebenden Welt wahrgenommen werden kann. Auch hier rückt das Dazwischen in den Fokus. Wenn der Körper die entscheidende Bezugsgröße beim Betrachten von Kunst ist, wo hört die Kunst auf und wo fängt das Ich an?

Text © Mio Pröpper & Maja Smoszna

Video: Jonas Büßecker
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