CLEANUP TIME

Content-Moderator*innen: menschliche Algorithmen, die die Inhalte für große Unternehmen wie Meta und Google zensieren. Im Diskurs der kritischen Medienreflexion sind sie immer wieder Gegenstand von Artikeln und Dokumentarfilmen. Diese Kurzgeschichte erzählt von der Begegnung eines weißen, europäischen Dokumentarfilmers und einer philippinischen Content-Moderatorin, ihrer Positionierung zueinander und ihrer Machtdynamik untereinander.

Content Note: Dieser Text enthält sensible Inhalte, darunter grafische Gewalt und diskriminierende kulturelle Stereotypen.

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Auf dem Bild werden Hände dargestellt, wie sie ein Smartphone halten und drücken. Das Bild ist Schwarz-Weiss und handgezeichnet.
Grafik: Abner Braig

ER: Ich wache auf und denke an meine Mutter. Ich bestehe ungefähr zu achtzig Prozent aus Schuldgefühlen und zu zwanzig Prozent aus Wut gegenüber der Welt, so wie sie ist. An Tagen, an denen ich keine Wut aufbringen kann auf die Welt und die ganze Scheiße in ihr, an denen würde ich gerne aufgeben. Das alles hier aufgeben. Als ich noch zuhause war sogar noch mehr, da habe ich eigentlich an jeder Bushaltestelle Leute gesehen, die sich längst aufgegeben haben. Die habe ich dann jedes Mal schrecklich beneidet. Aber ich muss arbeiten. Ich gucke auf mein Handy, viertel nach acht. Noch zwei Stunden bis Drehbeginn. Ich wähle die Nummer meiner Mutter, die einzige Nummer, die ich auswendig kann. Es ist drei Uhr nachts bei ihr, aber wenn sie meinen Namen auf dem Display sieht, wird sie rangehen, das weiß ich. Und wenn nicht, umso besser.

Rasieren muss ich mich nicht, das gehört nicht zu meiner Routine. Ich hab sowieso Glück. Ich sehe am besten aus, wenn ich nicht viel an mir mache. Nur für meine Zähne schäme ich mich manchmal. Aber an denen was zu ändern ist teuer und ich bin mir nicht sicher, ob es sich lohnt bei mir. Ich denke morgens immer darüber nach, wie es wäre, mich dem unstillbaren Verlangen endlich hinzugeben. Stillstand ist für mich nämlich ein riesiger Kraftakt. Ein riesiger Kraftakt, nicht um drei Uhr nachts aufzuwachen und zu rauchen und danach Toblerone zu essen bis die Zähne wehtun. Ein Kraftakt, eine ganze Woche kein Sodbrennen zu bekommen. Eine Woche nicht aufzuwachen mit brennender Scham im Rachen. Aufgeben würde bedeuten, endlich nicht mehr so zu tun als wäre es mir tatsächlich möglich, diese ganze Spannung auszuhalten. Wie die Leute, die sich keine T-Shirts nachkaufen, wenn der Bauch entscheidende fünf Zentimeter tiefer hängt, sondern bei dem alten T-Shirt bleiben und von da an halt ein bisschen bauchfrei unterwegs sind. Diese Leute sind frei, glaube ich.

Auf dem Bild schläft ein Mann in einem Bett und währenddessen guckt sein Handy an. Er sieht langweilt und deprimiert aus. Die Grafik wurde im Schwarz-Weiss mit Hand gezeichnet.
Grafik: Abner Braig

Ich gehe auf Instagram und sehe, dass sie eine Story hochgeladen hat. Ich muss sie angucken, ich kann nicht anders. Ich klicke auf view sensitive content. Sie hat ein Video repostet, in dem Menschen versuchen, auf ein Boot zu klettern. Die Wellen sind hoch und schlagen ihnen immer wieder ins Gesicht. Die Crew des Bootes steht an der Reling und stößt mit Stöcken auf die Menschen, die versuchen ins Boot zu kommen. Über dem Bild ist ein Emoticon, dessen Gehirn wegfliegt vor lauter Entsetzen. Das ist typisch für sie. Sie. Mein kleines Stück Hollywood, meine ganz persönliche rom-com, die auf meinem Herd vor sich hin köchelt, damit mein Leben lebendig riecht. Ist der ständige Versuch, in dieser schlechten Welt nicht aufzugeben, das Einzige, was uns verbunden hat? Ich will nicht darüber nachdenken. Stattdessen überlege ich, ob ich lieber Selleriesaft zum Frühstück will oder French Toast. Ich fahre mit dem dreihundertundsechzig-Grad-verglasten Fahrstuhl hoch in die zweiundzwanzigste Etage zum Frühstück. Je höher ich fahre, desto beeindruckender wird der Ausblick auf Manila, die Hauptstadt der Philippinen. Standort eines der größten Löschzentren der Welt. Ausgelagert von Google, Meta und den ganzen anderen Arschlöchern.

Mit tausenden Mitarbeiter*innen, Content-Moderator*innen werden sie genannt. Menschen, die von der Welt, für die sie arbeiten, abgeschnitten sind, stumm geschaltet und traumatisiert. Ich bin hier, um ihnen wieder eine Stimme zu geben. Ich schäme mich für mich und meine Zivilisation, für unsere Unwissenheit und Arroganz. Ich will mit dem Film zumindest anfangen aufzuklären darüber, wer tagtäglich dafür sorgt, dass wir ein inspirierendes und entspanntes Surferlebnis haben. Oben angekommen bin ich überfordert mit der täglich gleichen Frage des Hoteliers, ob ich lieber continental oder traditional breakfast hätte. Traditional wäre definitiv besser gegen mein chronisches Sodbrennen, aber ich kann zu dieser Tageszeit selten etwas unten behalten. Ich kotze sehr schnell. Eine meiner  nützlichsten Eigenschaften auf Reisen. Ich kann mir alles einverleiben, ohne dass es mich vereinnahmt. Ich entscheide mich für French Toast. Ich habe heute schon mit meiner Mutter telefoniert, bin aufgestanden und habe nicht vor dem Frühstück geraucht. Das hab ich mir jetzt verdient. 

SIE: Ich wache auf, weil meine Mutter neben mir schnarcht. Gerade habe ich noch von Penissen geträumt. Von langen, kurzen, weißen, schwarzen, fetten, dünnen, jungen, alten, sogar von fleckigen Penissen. Jetzt liege ich wach, mit den verblassenden Penissen vor meinem inneren Auge, neben meiner Mutter und schäme mich. Manchmal würde ich gerne alleine aufwachen. Um die ganzen Penisse in meinen Träumen genießen zu können. Aber ich muss eh aufstehen. Keine Zeit für Selbstmitleid. Oder Selbstaufgabe. Ich stehe auf, trinke meinen Kaffee und mache mich auf den Weg. Es ist langweilig mir morgens zuzuschauen. Ich kann noch nichts essen. Mein Gesicht spüle ich nur kurz mit Wasser ab. Ich habe Glück, ich brauche kein Make-Up, um hübsch auszusehen. Ein besonderes Interesse an Klamotten habe ich auch nicht, nur meine Brille, die ist wichtig. Die brauche ich, um den ganzen Tag am Computer sitzen zu können ohne Kopfschmerzen. Ich bin Müllsammlerin. Meine Aufgabe ist es, die Welt von ihrem Dreck zu säubern. Von zerbombten Babies, ertrunkenen Menschen, von Mädchen mit cumshot auf ihren Bäuchen, von brennenden Fahnen, von Brüsten und Penissen, von Comics über Erdogan und Trump, von rechtsextremem Terrorismus, von Gewaltandrohungen, von Gewaltexzessen, von Enthauptungen und weiblichen Nippeln. Löschen. Ignorieren. Löschen. Löschen. Löschen. Rot. Rot. Grün. Grün. Rot.

Auf der Straße sehe ich ihn, wie er mich anguckt. Er wohnt schräg gegenüber von mir und ich mag ihn schon lange. Er guckt mich erst an, seitdem das Filmteam da war. Wenn ich wichtig genug bin, um gefilmt zu werden, überlegt er es sich vielleicht doch nochmal mit mir zu Abend zu essen. Ich schaue auf den Boden und lächele. Ich will nicht arrogant sein. Mir steigt mein Leben nicht zu Kopf. Obwohl ich Scharfschützin bin. Und Beschützerin. Prinzipienvertreterin. Verantwortungsträgerin. Und definitiv mehr wert als ein Algorithmus. Ich muss die Verbreitung der Ausbeutung von Kindern stoppen. Ich muss Terrorismus erkennen. Ich muss Cyber-Mobbing stoppen. Täglich. Algorithmen können nicht das tun, was ich tue. Und es gibt viel Böses auf dieser Welt – ich muss es im Auge behalten. Ich muss es kontrollieren, das Gute und das Böse. Ich und meine Kolleg*innen. Aber wir konzentrieren uns auf die guten Sachen, privat. Nur die Penisse hängen mir manchmal nach. Dabei habe ich eigentlich nur Interesse an dem Penis meines Nachbarn. 

Auf dem Bild wird eine Frau vor ihrem Bildschirm dargestellt. Aus dem Bildschirm kommen unterschiedliche Dinge raus, so zum Beispiel: Gesichte, Messer, Titten, Penisse. Das Bild wurde mit dem Hand und im Schwarz-Weiss gezeichnet.
Grafik: Abner Braig

Heute ist kein normaler Tag. Ich soll mich nochmal mit dem Filmteam treffen. Mein Kollege hat mich beim ersten Mal dazu überredet. Er meinte, die Welt soll wissen, dass es uns gibt. Wir machen Plattformen für alle Nutzer*innen in Amerika und Europa sicherer. Er war schon immer politischer als ich. Ich will einen schönen Alltag haben, einen, bei dem ich nicht morgens aufwache und mich machtlos fühle ob der Unmöglichkeit meines Lebens. Das gibt mir mein Job. Geld. Ich treffe mich gerne mit meinen Freundinnen und unterhalte mich stundenlang über Versicherungen. Weil ich mir eine leisten kann. Das Filmteam will über strukturelle Ungerechtigkeiten sprechen und darüber, wie uns der Westen ausbeutet. Sie wollen von mir hören, wie schlecht es mir geht, wie schlecht ich mich behandeln lasse, bis ich nicht mehr kann und mich der totalen Trägheit hingebe. Sie wollen einen Skandal aus uns machen, aus uns allen. Ich finde, sie sollten die Kamera einmal auf unseren Desktop halten und darüber berichten, was ihre europäischen Brüder und Schwestern täglich für eklige, schmutzige Dinge tun. Und dass sie vielleicht dort beginnt, die Ungerechtigkeit, und nicht hier bei uns.

Der Mann, der mich interviewt hat, vor ein paar Tagen, ist hübsch gewesen. Ein bisschen große Zähne vielleicht. Aber sonst ein attraktiver und charmanter Mann. Er hat mir Fragen gestellt, als wüsste ich nicht, worauf sein Film hinaus will. Wollte mich als naives Mädchen zeichnen, das dringend das Geld braucht. Ich weiß nicht, was es ist mit diesen mittelalten weißen Männern und ihrem Bedürfnis, ihre Schuld rein zu waschen. Ich habe ihm den Gefallen getan und von meinem Freund erzählt. Der Freund, mit dem es nicht gut ausgegangen ist. Der Freund, von dem alle, die hierher kommen von weit weg, immer wissen wollen. Der, der uns auf die Karte ihrer Welt gebracht hat. Der Märtyrer. Ich stelle mir vor, wie sie ihre kleinen, perversen, sonnendurchfluteten Leben hinter sich lassen, weil sie nicht mehr schlafen können und sich denken, dass der Grund dafür das Elend der Welt sein muss und dann buchen sie sich Flugtickets und stranden hier, vor meiner Tür. Nachdem sie mit mir geredet haben, nachdem sie bestätigt bekommen haben, dass ihre Existenz tatsächlich auf Ausbeutung fußt, können sie die Nacht wieder durchschlafen und sich dabei in ihrer Schuld suhlen. Und wenn sie nicht für immer bleiben, dann kommen sie doch zumindest stets zurück und denken, dass eine Freundschaft möglich wäre.  

Der Dreh ist schwerfällig heute. Die meisten Leute, die wir interviewen, haben schreckliche Angst. Ich wünschte, ich könnte ihnen die Sicherheit geben, dass ihnen nichts zustößt. Das dritte Interview, das wir heute führen, ist mit der Frau von vor drei Tagen. Ich habe von ihr geträumt an dem Abend nach ihrem ersten Interview. Sie hat mich während des Interviews immer lange angeguckt, bevor sie geantwortet hat. Sie wirkte angriffslustig und ich habe nicht verstanden, was ihr Problem ist. Aber ich fand sie sexy. Ich habe mir vorgestellt, wie ich einfach hier bleibe, ein Apartment miete in einem der Hochhäuser im Stadtkern und sie frage, ob sie mit mir auf ein Date geht. Dann hätten wir uns nach und nach all unsere Geheimnisse erzählt, ich hätte verstanden, was mich ausmacht, wer ich wirklich bin, weil ich mich in einem neuen Kontext hätte sehen können. Irgendwann  wäre meine Mutter zu Besuch gekommen und sie hätten sich kennengelernt, meine Mutter und sie, und ich wäre ein bisschen aufgeregt gewesen, ob sie sich verstehen würden, die beiden, das wäre wichtig für mich gewesen. Auch wenn meine Mutter auf einem anderen Kontinent lebt, hätte ich damit wahrscheinlich nicht leben können, wenn sie sich nicht verstanden hätten. Aber ich wäre dann erleichtert gewesen, weil alles gut gegangen wäre und sie sogar abends zusammen für uns gekocht hätten, Fusion-Küche, und ich hätte auf dem Balkon gesessen in unserem Apartment im sechsundvierzigsten Stock und ich wäre zufrieden gewesen und ich hätte gedacht, dass ich jetzt bereit bin für Kinder. 

Auf dem Bild sieht man eine Szene von der Dreharbeit eines Filmes. Zwei Personen sitzen gegeneinander und vermutlich reden. Eine dritte Person hinter dem Mann nimmt mit einer Kamera die dritte Person auf. Das Bild wurde mit dem Hand im Schwarz-Weiss gezeichnet.
Grafik: Abner Braig

Ich biete ihnen nur Fakten an diesmal. Ich will keine Anekdoten erzählen. Alles, was ich ihnen erzähle, wissen sie glaube ich schon. Aber sie sind zu höflich, um mich zu unterbrechen. Ich erzähle ihnen also, dass täglich fünfhundert Stunden Video auf YouTube hochgeladen werden, vierhunderftünfzigtausend Tweets auf Twitter und zweikommafünf  Millionen Posts auf Facebook. Dass circa drei Billionen Menschen über Social Media vernetzt sind. Dass jede*r von uns fünfundzwanzigtausend Bilder am Tag sichten muss. Ja, das sind siebzehn Bilder pro Minute in vierundzwanzig Stunden. Ja, das ist möglich. Ja, das ist anstrengend. Ja, das kann für manche zu viel werden. Ja, ich mache das schon über zwei Jahre. Ja, die meisten Bilder kommen aus Europa und Amerika. Nein, ich darf eigentlich nicht mit Reporter*innen reden. Nein, ich hab keine Angst. Warum weiß ich auch nicht. Ja, am schlimmsten ist Nacktheit. Nein, nicht Kinderpornografie. Ja genau, weibliche Nippel und männliche Genitalien, mit denen muss man am meisten aufpassen. Ja, nur drei Fehler dürfen mir passieren in einem Monat. Ja, sonst werd ich gekündigt. Ja, das ist ein großer Druck. Nein, es macht mir nichts aus. Doch, ich bin zufrieden. Doch  ehrlich.  

Auf dem Bild sind vier Szene sehbar. Die vier unterschiedlichen Szenen fassen die Geschichte zusammen. Oben kann man einen Mann sehen, wie er sein Handy anguckt und liegt im Bett. Unter dies eine Frau ist sehbar, die ihren Bildschirm guckt, von dem unterschiedliche Dinge rauskommen. Unter dieser Szene kann man die Kulisse einer Dreharbeit sehen, wo zwei Personen miteinander reden. Neben und hinter den drei Bilder tauchen Hände auf, die auf einem Smartphone fassen.
Grafik: Abner Braig

Als ich zurück ins Hotel komme am Ende des Drehtages fühle ich mich komisch. Ausgelaugt. Ich schäme mich und weiß nicht, wofür. Ich hab keine Lust darauf jetzt, ich kenn das doch schon. Wenn die Scham einmal angeklopft hat, bleibt sie und legt sich über alles wie Staub in einer zu lange nicht geputzten Wohnung. Ich versuche mich abzulenken und gucke mir Interviews mit Mark Zuckerberg an und denke darüber nach, wie man seine Aussagen am besten mit unseren Interviews gegenschneiden kann. Ich habe viele Jahre für eine riesige Firma gearbeitet, die Trailer schneidet. Ich weiß, wie ich dafür sorge, dass ein Film Publikum bekommt. Und ich weiß auch, dass unser Film dieses Interesse bekommen wird. Er ist schlüpfrig genug, stellenweise skandalös, gleichzeitig persönlich, privat, tragisch. Er wird die Aufmerksamkeit erregen, die dieses Thema verdient. Eine Plattform sein für all die anonymisierten Menschen hier, die täglich unsere dreckige Wäsche waschen. Endlich werden die Leute verstehen, in was für einer kranken Welt wir leben. Wir werden uns empören darüber. Wir werden uns empören über Menschen wie Mark Zuckerberg und wir werden ihn entlarven. Vielleicht werden wir polarisieren mit unserer Meinung, aber das wird uns egal sein. Wir wissen, dass die Leute das lieben: Empörung und Polarisierung.

Das unterschwellige Schamgefühl will heute nicht weggehen, egal wie sehr ich mich empöre. Ich fühle mich, als hätte ich eine Story gepostet auf Instagram und wäre mir dann ein oder zwei Stunden später nicht mehr ganz sicher, ob ich mich damit auf der richtigen Seite positioniere. Als würde ich befürchten, dass schon morgen ein Post viral geht, der meinen eigenen Post im Kern widerlegt, mehr noch, mich als Opportunisten, als Aggressor und als schlechten Menschen entlarvt. Und als würde es dann niemanden mehr interessieren, dass ich es gut gemeint habe. Als würden dann alle nur meinen Post sehen, der immer noch online ist und mittlerweile schon über zweihundert Betrachter*innen hat, weil ich zu stolz bin, ihn runter zu nehmen und als würden sich meine Follower*innen dann alle gemeinsam denken: Schäm dich. Ich sitze da und frage mich, wie viel Empörung nötig ist, bis die Welt ein besserer Ort wird und ich mich nicht mehr zu schämen brauche.  

Ich gehe nach Hause für heute und zünde eine Kerze an für meinen Freund. Meinen ehemaligen Kollegen. Ich entschuldige mich bei ihm dafür, dass ich über ihn geredet habe in dem Interview vor ein paar Tagen. Dass ich kurz dachte, dass es ihn ehren würde. Ich schäme mich, weil ich jetzt denke, dass ich ihn verkauft habe. Ich glaube, dass er deswegen nicht mehr wollte, weil er dachte, er hätte sich verkauft. An einen Arschloch-Arbeitgeber in einer Arschloch-Welt. Ich finde, es ist okay, sich zu verkaufen. Das, was ich dafür im Gegenzug bekomme, kann ich gebrauchen. Ich bin kein Opfer, so wie es der Filmemacher mit den großen Zähnen denkt. Und wieso sollte ich nicht das Beste aus einem kranken System schlagen, so wie alle anderen. Es merkt ja doch niemand, wenn ich ein guter Mensch bin. Mein Freund hat das immer anders gesehen und ich hab ihn dafür gemocht. Er hat seinen Preis dafür bezahlen müssen. Meine Mutter schläft schon. Ich sitze ganz alleine in der Küche und schaue aus dem Fenster. Mein Nachbar, der, den ich mag, kommt gerade nachhause. Ich blase die Kerze aus und beschließe ihn bald zu fragen, ob er mit mir essen gehen will. 


Author’s Statement

Ich als weiße Person und Autorin dieses Textes habe mir zusammen mit dem Redaktionsteam von eigenart und dem Antidiskriminierungsberater des AStAs viele Gedanken darüber gemacht, ob der obige Text veröffentlicht werden sollte. Mir ist es wichtig, dazu ein paar Worte zu sagen. Die Geschichte entspringt einer persönlichen Auseinandersetzung von mir mit white saviourism, neokolonialen Strukturen und der damit einhergehenden Reproduktion von Machtstrukturen. Mir ist bewusst, dass es mir nicht möglich ist, die Position einer philippinischen Frau einzunehmen. Ich habe mithilfe von Recherche eine mögliche Perspektive erarbeitet, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und die es nicht als Ziel hat, die Lebensrealität einer Person zu entwerfen, die nicht meine ist.

Vielmehr versuche ich eine Begegnung zu erzählen, die offenlegt, wie rücksichtslos und verletzend es wird, sich als weiße Person nicht mit den eigenen Privilegien und historischer Schuld auseinanderzusetzen und mit vermeintlich gutem Willen jahrhunderte alte Machtstrukturen und Diskriminierungen zu reproduzieren. Meine Recherche dazu stützt sich auf den Film “The Cleaners” von 2018, “White Guilt Clean Up” von Diana Arce, Tupoka Ogette, Binyavanga Wainaina, “Whose Expression”, Ausstellung im Brücke Museum, Mithu Sanyal u.a.


Text von Milena Bühring. Sie studiert seit 2016 an der UdK Berlin bei Mathilde ter Heijne, Professorin für zeitbasierte Medien und Performance. Seit 2020 ist sie Tutorin der Klasse. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich mit Mythen und Geschichten, die gesellschaftlich mehr oder weniger bewusst geschrieben werden und hinterfragt deren Notwendigkeit und Plausibilität. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Zeichnungen von Abner Braig. Er wurde 1991 in Stuttgart geboren und kommt aus der freien Graffiti-Szene. Ab 2015 studierte er zunächst in der Malereiklasse von Burkhard Held an der UdK Berlin, mittlerweile ist er in der Multimedia-Klasse Husain/ Naprushkina. Er lebt und arbeitet als freischaffender Künstler und Illustrator in Berlin. 

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