Dame im Pelz

Ich fahre lieber gegen die Fahrtrichtung. So liegt das Gesehene bereits hinter mir. Schon lange bevor ich in die Stadt einfahre, umhüllt mich ein Gefühl der Vertrautheit. Kleine Häuser im dörflichen Stil wechseln sich für eine Weile ab mit Industriebauten bis die Gleise schließlich gesäumt werden von kleinen Shops und Häusern im Jugendstil. Ich erinnere mich nicht, dass mir jemals jemand etwas beigebracht hätte, stattdessen haben mir alle immer nur von ihren Träumen erzählt.

Die Illustration, die handgezeichnet ist, zeigt einen Bildschirm eines Smartphones. Auf dem Bildschirm kann man einen Instagram Post sehen. Der Post ist ein Text. "I think about time but what I experience is always a place..."
Illustration: Elena Dorn

Das monotone Ruckeln des Zuges lässt mich noch einmal kurz einschlafen. Ich träume, dass ich nach Prag fahre, um an einer Orientierungswoche Teil zu nehmen. Ich bin sehr ruhig, irgendwann beginnt ein Warm-up zum Kennenlernen, es werden Gedichte und eine Tanzperformance vorgeführt. Auf dem Boden des Tanzsaals liegt ein kleiner nackter Vogel in der Pfote einer Katze. Die Katze führt einen Zaubertrick vor, der Vogel verliert sein Federkleid. Ein Mädchen versucht, den Vogel zu retten. Ich will nach Hause in meine Wohnung fahren, aber der Zug bleibt in einem Schneesturm stecken. Als ich am Bahnhof ankomme, wartet Mina bereits am Gleis. Wir schließen uns kurz und fest in die Arme. „Hattest du eine gute Fahrt?“ „Ja, ging schon. Das Abteil war ziemlich voll, aber ich konnte die meiste Zeit über schlafen.“ Wir bewegen uns in Richtung Altstadt und nehmen die Tram zu einem Café. 

Während Mina kurz auf der Toilette verschwindet, bin ich an den Bildschirm meines Smartphones geklebt. Ich versuche die Geräuschkulisse aus Kaffee mahlen, Stühle verrücken und einer Sprache, die ich nicht mehr spreche, auszublenden. Als sie zurückkommt, unterhalten wir uns bei einem Tee über ihren Nebenjob bei dem sie Untertitel für Filme übersetzt. Über die Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu wählen und dabei den Ton des Films nicht zu verändern. Über dich unterhalten wir uns nicht. Ich traue mich nicht, zu fragen, ob sie noch oft an dich denkt. Nach einer Weile verabschieden wir uns mit der Verabredung uns am nächsten Tag zum Essen zu treffen. Ich nehme meinen Rucksack und fahre zur Wohnung, in der ich die nächsten Tage untergebracht bin. Als ich die Tür aufschließe, begrüßt mich ein kleiner Flur mit Katzenklo, das Tier allerdings ist nirgends zu sehen. Ich laufe durch die Zimmer und flüstere leise „kočka“. Niemand macht sich bemerkbar. Nach einer kleinen Umrundung der Wohnung finde ich die Katze stumm auf dem unteren Teil des Bettes sitzend. Sie schläft nicht, schaut mich still aus ihren kleinen dunklen Augen an. Ich bewege mich langsam auf sie zu, um sie zu streicheln. Wir beide scheinen gleichsam irritiert von der Präsenz der Anderen. Nach einer Weile stehe ich nochmal auf, um mir etwas zu essen zu machen. Als ich mich schlafen lege, sitzt die Katze immer noch am Fußende. Ich schlafe kurz und traumlos.

Am nächsten Morgen füttere ich das Tier und mache mich auf zu einem kleinen Spaziergang, um die Gegend zu erkunden. Beim Spaziergang überlagern sich die Bilder vor meinen Augen mit Erinnerungen von damals. Ich bin an diesem Ort noch nie gewesen, doch die pastellfarbenen Häuser und kleinen potravinys gleichen denen in meiner alten Wohngegend. Heute fällt es mir schwer, einen Bezug zu den damaligen Erlebnissen herzustellen. Ich scrolle auf Instagram, auf der Suche nach einer Bäckerei finde ich etwas in der Nähe. @originalspin gefällt das. Die ersten Male hat es mich erschreckt, ich war desorientiert, dann fiel mir ein, das Internet vergisst nicht. Es orientiert sich nicht an unserer Zeitlichkeit. Ein like bleibt ein like, wir richten uns danach, was der Bildschirm uns als Realität vorgibt, nicht andersherum. Heute bin ich froh über die unbeabsichtigte Erinnerung.

Am Nachmittag habe ich ein Online-Seminar. Ich bin kurz irritiert. Bin ich die Person, die auf dem Bildschirm zu sehen ist? Es ist mein Name, der klein in der Ecke eingeblendet ist. Aber es ist nicht mein Leben. Es ist nicht meine Katze auf meinem Schoß, nicht mein gerahmtes Bild, das hinter mir hängt. Ich fühle mich als hätte ich diese Identität heute nur kurz übergeworfen und könnte morgen schon eine Andere sein. Drei Menschen kann ich erkennen in kleinen Kästen, die anderen haben ihre Kamera erst gar nicht angeschaltet. Die Katze liegt eingerollt auf meinem Schoß. Über die Kamera ist sie kaum zu sehen. Wenn ich Bilder von damals anschaue, erkenne ich mich fast nicht wieder. Kleines, spitzes Gesicht mit glänzenden Augen umrahmt von einem Pelz. Die Jacke habe ich erst dieses Jahr weggegeben.

Manchmal denke ich, dass ich Angst habe mich zu verändern, weil ich dann nicht mehr der Person entspräche, die du kanntest, und ich damit die letzte Verbindung zwischen uns trennen könnte. Am Abend treffe ich mich mit Mina in einer Bar. Bei einem Glas Wein tauschen wir uns über unsere letzten Dating-Erfahrungen aus. Sie hat sich für die nächsten Monate ein Dating-Moratorium auferlegt. Sagt, sie will keine selbsternannten linken Männer mehr treffen. „Kein Bock, gecatfished zu werden.“ In Gesprächen bist du immer seltener Thema. Doch auch unausgesprochen weiß ich, dass mein Gegenüber bei bestimmten Worten, bestimmten Formulierungen an dich denkt.

Das Bild stellt Bildschirm eines Smartphones dar. Auf dem Bildschirm wurde eine Seite besucht, auf dem steht einen langen Text über Stadt. Der Text ist am folgenden: "I am new to the whole civilization series. This my first game playing against AI. I had established a city, then, at some point late in the game, I found out it wasn't mine anymore. I don't remember anyone declaring war, or any combat, just that at some point the city was not my city anymore. What could have happened?"
Illustration: Elena Dorn

Wieder in der Wohnung angekommen sitzt die Katze bereits wartend vor ihrem Napf. Ich gebe ihr eine Mischung aus Trocken- und Nassfutter und beobachte für einen kurzen Moment, wie sie das Futter mit ihren Zähnen knackt. Ich swipe 20 Minuten auf Tinder, während ich nebenbei Nudeln koche, eigentlich mehr aus dem Fenster schaue. Ich esse im Stehen und kuschele mich danach auf dem Sofa ein. Als die Katze sich auf meinem Bauch zusammen rollen will, lege ich mein Handy beiseite. Die Katze atmet sanft und gleichmäßig, knetet sachte mit ihren Ballen meine Beine. Ich passe meine Atmung ihrer an. Zum ersten Mal seit Langem bin ich entspannt. Als ich etwas später aufstehen möchte, löst sie nur widerwillig ihre Krallen von meiner Jeans. Ich ziehe meinen Schlafanzug an und schaue noch eine Weile Netflix. 

In der Nacht träume ich, dass ich in meinem Elternhaus bin. Ich spiele mit einer kleinen weißen Katze. Eine zweite, größere getigerte Katze kommt dazu, sie beißt sich in meinem Arm fest. Draußen vor der Glastür sehe ich einen majestätischen Geparden auf und ab gehen. Er verschwindet, aber ich weiß, er wird wieder kommen. Nach dem Frühstück steige ich unter die Dusche und verrichte leidenschaftslos meine Choreographie aus Haare waschen, Haare ausspülen, Conditioner einmassieren, kurz einwirken lassen, ausspülen, flüchtig die Beine rasieren, abtrocknen, eincremen, Haare föhnen und genau so viel Stylingprodukt einarbeiten, dass es leicht messy und nicht mehr wie frisch gewaschen aussieht. Währenddessen höre ich die Katze vor der Tür maunzen. Ich glaube, an manche Orte fährt man nur, um eine Abwesenheit zu spüren.

Auf dem Weg Richtung Altstadt laufe ich am Nová Scéna vorbei in Richtung Moldau. Ich komme an einem kleinen Kiosk vorbei, das tschechische Zeitungen und Illustrierte verkauft. Auf einer kann ich vage ein leicht verpixeltes Foto von Baba Vanga ausmachen, dem weiblichen „Nostradamus des Balkans“. Baba Vanga verlor ihr Augenlicht angeblich während einem schweren Sturm in ihrem 13. Lebensjahr. Heute weht nur eine seichte Brise. Ich bleibe stehen und nehme die Zeitschrift in die Hände. Von den wenigen Worten, die mir geblieben sind, kann ich ausmachen, dass es um eine Übernahme durch Virtual Reality und eine Invasion von Außerirdischen geht, die sie für das Jahr 2022 prophezeit hat. Unbeabsichtigt zucke ich mit den Achseln, wenigstens hatte sie Fantasie. Etwas schadenfreudig frage ich mich dann doch, wer eigentlich an diese Prophezeiungen glaubt, während ich die Wetter-App auf meinem Handy öffne. 2 Grad, später soll es regnen. Kurz ärgere ich mich, dass ich meinen Regenschirm in der Wohnung gelassen habe.

Ich laufe weiter die Straße entlang, versuche mich an den pastellfarbenen Häusern zu orientieren. Aber ich könnte überall sein. Die Gassen werden immer enger bis ich mich im Unterbauch der Stadt befinde. Die Pflastersteine sind hier rutschig, jeder Schritt ein Wagnis. Wenn ich mir Fotos von damals anschaue, habe ich Angst, mich nicht mehr richtig erinnern zu können. Nicht in dem Sinne, dass die Erinnerung nicht der Realität entspräche, sondern in dem Sinne, dass ich mich nicht mehr so erinnere, wie ich die Erinnerung gerne erinnern möchte. Ich frage mich, ob man sich einmal zu viel erinnern kann, ob die Erinnerung wie eine Schallplatte, die einmal zu oft abgespielt wurde, immer tiefere Risse bekommen kann, bis sie letzten Endes zerbricht. Ob die Erinnerung, wenn ich den Fotobeweis anschaue, plötzlich nicht mehr meine Erinnerung ist, weil sie tatsächlich gar nicht dem entspricht, was ich vor meinem inneren Auge als Erinnerung behalte. Ich frage mich, ob ich dich vergessen kann, wenn ich dein Foto noch einmal betrachte.

Zurück in der Wohnung packe ich meine Sachen und nehme die nächste Tram zum Hauptbahnhof. Schlendere durch die geräumige Eingangshalle, vorbei an Bäckereien und Geldwechselstuben. Der Zug wartet bereits am Gleis. Ich suche mir ein freies Abteil mit einem Sitz in Fahrtrichtung und richte mich ein für die Reise. Ich fahre mit einer sehr schnellen Schwebebahn. Während ich versuche Fotos mit meiner Kamera zu machen, reden eine ältere Frau und ihre Tochter mit mir auf einer Fremdsprache, die ich nicht identifizieren kann. Am Ende der Fahrt nehmen sie mich mit in einen geheimen Club. Es ist dunkel bis auf ein kleines Fenster am Ende des Raums. Ich treffe einen Freund im Hof des Nachbarn. Wir schneiden lange Äste mit einer Baumschere. Ein Ast ist sehr, sehr weich, trotzdem verbiegt sich die Schere beim Schnitt. Arbeiter kommen und fragen mich, ob ich den Club kenne, in dem ich noch am Morgen war. Sie möchten gern mit mir dorthin fahren. Jemand sagt zu mir es sei sehr dunkel im Club, ich antworte man könne ja auf den Balkon gehen.

Ich glaube man lässt Erinnerungen nie ganz los, irgendwann akzeptiert man sie einfach als Tatsache. Es gibt Versionen von uns, die weiter bestehen, in Fotoalben ganz unten in der Schublade, in Schuhkartons in der hintersten Ecke des Schrankes, wenn die Schuhe schon längst nicht mehr passen. Man kann sie nie wirklich loswerden, sich von ihnen lösen, doch man kann sie auch nicht mehr anziehen, weil sie eigentlich immer schon zu klein waren. Wir waren nur so an die Größe des Kartons gewöhnt. Als der Zug aus dem Bahnhof rollt, beginnt es zu schneien.


Elena Dorn wurde 1990 in Aschaffenburg geboren. Sie studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften in Frankfurt am Main und Prag. Seit 2017 studiert sie in der Klasse Streuli an der Universität der Künste in Berlin, wo sie auch lebt. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich vor allem mit Zeit und (deren) Wahrnehmung.

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