Der Kult vom Nichts(-sein)

“I give the fight up: let there be an end,
A privacy, an obscure nook for me.
I want to be forgotten even by God.”

Robert Browing, Paracelsus Attains (1835)

Unsere Gesellschaft hat die Negation für sich entdeckt: Float Spas, die uns in eine Art Trance des Nichtseins versetzen, Noise-Cancelling-Kopfhörer, die unsere komplette akustische Umwelt ausblenden oder Space-Out Wettbewerbe – hier gewinnt die Person, die am besten nichts tut. Diese Trends sind nur einige der Indizien, die darauf hinweisen, dass unsere Ära eine Sehnsucht nach dem Nichts antreibt. 

Nothing really matters, lol

Nihilistische Memes;
Quelle:
https://twitter.com/artnihilist/status/719560943861039104

Auch ohne zu tief in die philosophische Tradition des Nichtseins einzusteigen, fällt schnell die Popularität neo-nihilistischer Einflüsse in unserer Popkultur auf: Tweets, Memes und virale Videos adaptieren und kuratieren Themen wie die Sinnlosigkeit des Daseins oder die Irrelevanz unserer Erlebnisse und schaffen vor allem eins: Ein kollektives Gefühl, dass unsere Leben unbedeutend sind, dieser Zustand eigentlich ganz okay und in seiner Absurdität sogar ziemlich lustig. 

Dem „lol” hinter „nothing really matters” wird stellvertretend für das Meme-Genre eine wichtige Bedeutung beigemessen: Es geht nicht um Memes, die auf depressive oder sogar suizidale Gedanken hinweisen. Wenn unsere polarisierende und komplexe Gesellschaft (nach Nietzsche) eigentlich keine absoluten Wahrheiten und Werte besitzt, kann das auch zur Folge haben, dass man sich eigene sucht – oder alles einfach nicht so ernst nimmt: „Sobald man sich damit abgefunden hat, nur ein Fleischklumpen auf einem großen Brocken zu sein, kann man aufhören, sich zu stressen und den Brocken selbst wertschätzen”, schreibt Wendy Syfret in ihrem Artikel “Sunny Nihilism”.

Leere Museen und immaterielle Kunst


Liu Jianhua, “Blank Paper”,
The Allure of Matter: Material Art from China,
Smart Museum of Art

Doch auch in der „Hochkultur” sind seit ein paar Jahren alle Zeiger auf Nichts gestellt: Das Museum of Emptiness in St. Gallen, das 2016 im Rahmen einer Museumsnacht eröffnet wurde, soll ein Antidotum zur Fülle des städtischen Lebens sein und Leere nicht aus dem Weg gehen.  Große Kunstmuseen wie das MoMA zahlen gerne mal einige Millionen Dollar für konzeptuelle Kunst, die quasi materiell nicht existiert und aus legaler Perspektive auch gar nicht den Besitzenden wechseln kann. Natürlich nicht zu vergessen sind die vielen Künstler:innen, die sich mit Nichts und Negation beschäftigen: In Anish Kapoors Descension verbindet die Installation eines Whirlpools, dessen Wasser in einem Sog der Dunkelheit abfließt, das Sein mit dem Nichtsein. Auf Heideggers Theorien bezogen verkörpert die Leere (the void) für Kapoor die unmögliche Beantwortung der Frage nach der Bedeutung von Unendlichkeit, Nichtsein und Negation. 

Anish Kapoor:
Descension, 2014-15

Mixed Media
Variable dimensions0
View of the installation, Château de Versailles, Versailles, 2015
© ADAGP Anish Kapoor Photo.
Fabrice Seixas & archives kamel mennour Courtesy Kapoor Studio
and kamel mennour, Paris/London
Quelle:
https://www.artbasel.com/catalog/artwork/45065/Anish-Kapoor-Descension

Rückwärtsbewegung statt Selbstoptimierung

Quelle: https://www.reddit.com/r/ImagesOfUSA/comments/80zv3n/make_america_nothing_again/

Obwohl man sich in der Wissenschaft schon etwas konkreter mit den Begriffen von Negation, Nichts und Unendlichkeit beschäftigt, ist auch hier noch vieles unklar. 2017 erreichten Forscher:innen der University of Washington allerdings einen wichtigen Durchbruch, als sie bewiesen, dass es so etwas wie negative Masse gibt. Eine Masse, die, wenn man sie anstupsen würde, sich nicht in die intendierte Richtung, sondern zurück bewegt. 

Genauso wie sich negative Masse in die gegensätzliche Richtung bewegen kann, zeigen sich Rückwärtsbewegungen auch in unseren kollektiven Leben: Ein scheinbares Streben danach, nicht mehr angestupst zu werden vom Zwang nach Selbstoptimierung und Fortschritt, sondern sich abzukoppeln, einzumummeln, zu benebeln und zu distanzieren. 

„Thinkfluencer” und Autor Venkatesh Rao hat schon vor einigen Jahren den Begriff „Domestic Cozy” ins Spiel gebracht, der eine Haltung, aber auch eine Ästhetik beschreibt: Es geht um den Rückzug ins Private, ein kleines, kontrollierbares Umfeld und eine gewisse Gleichgültigkeit der Welt gegenüber. Dazu zählt er Hobbies und Produkte, die uns auch aus den letzten Lockdowns bekannt vorkommen: Häkeln, Minecraft oder spezielle „inactive” Kleidung für zuhause. 

Während uns die Pandemie schon dazu zwingt, körperlichen Abstand zu nehmen, verstärkt sie auch andere Distanzierungen. Die Teilnehmer:innen des koreanischen Space-Out Wettbewerb würden das vermutlich etwas anders sehen. Der Gewinner der Nichts-Tun-Challenge beschreibt es in einem Vice-Artikel folgendermaßen: „There is something meaningful about getting together with people who willingly choose to do nothing.”

Quellenangabe:
Space Out-Wettbewerb 2021 (Foto: Woopsyang)

Nichtsein: Ein Privileg?

Dieses Streben ist jedoch nicht allen Menschen gleichermaßen vorenthalten: Während an den einen die trüben Home Office-Tage mit algorithmisierten Social Media Feeds, einlullenden Netflix-Shows und Weißwein vorbeiziehen und die Chance auf Nichts nur ein Sabbatical entfernt scheint, sind für andere Distanzen und Negationen gar nicht möglich. 

„Systemrelevant” bedeutet auch gerne mal distanzlos, egal ob im vollen Krankenhaus, zwischen Maskenverweiger:innen und engen Regalen im Supermarkt, in der überfüllten Unterkunft, die nur zum Spargelstechen verlassen werden darf oder im Schlachthof, wo Profit gerne über Hygienekonzepten steht. Die Sehnsucht nach dem Nichts ist auch ein Privileg und die Pandemie präsentiert uns bestehendes, prekäres Sein schonungslos im grellen Scheinwerferlicht.

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