Die Scham vor der Behaarung: Haarentfernung als Zeichen von Weiblichkeit?

Der Anblick einer Frau mit unrasierten Achseln ist für die meisten Menschen ungewohnt und immer noch ein Tabu-Thema. Woher kommt das Schönheitsideal des glattrasierten Körpers, inwiefern hat es sich im Laufe der Zeit verändert und was steckt dahinter? Rasiert man sich nur aufgrund gesellschaftlicher Konventionen und wieso sind Körperhaare besonders bei Frauen mit Ekel stigmatisiert?

Der Anblick einer Frau mit unrasierten Achseln ist für die meisten Menschen ungewohnt und immer noch ein Tabu-Thema. Woher kommt das Schönheitsideal des glattrasierten Körpers, inwiefern hat es sich im Laufe der Zeit verändert und was steckt dahinter? Rasiert man sich nur aufgrund gesellschaftlicher Konventionen und wieso sind Körperhaare besonders bei Frauen mit Ekel stigmatisiert? 

Die Geschichte der Rasur

Bereits 5.000 v. Chr. nutzten Frauen geschliffene Steine und Muscheln, um sich untenrum zu rasieren. Das zeigen Grabmalereien aus dieser Zeit. Auf ägyptischen Hieroglyphen sind Frauen mit Rasiermesser und kleinem Schamhaar-Dreieck zu sehen. Auch altgriechische Bildhauerkunst zeigt Göttinnen fast immer komplett enthaart. Im römischen Reich (753 v. Chr. – 400 n. Chr.) wurde sich aufgrund der Bade- und Körperkultur rasiert. Gängige Rasurmethoden waren Zucker- oder Bienenwachs sowie das Verwenden von Bronzemessern. Darüber hinaus wurden die Haare mit rauen Handschuhen und schleifpapierähnlichen Scheiben abgerieben. Durch römische Eroberungen wanderte der Trend auch nach Nordeuropa, Afrika und den nahen Osten. Im Islam entfernten die Frauen ihre Haare mit Halawa – einer Creme aus Zucker und Zitronensaft. Aus religiösen Gründen gilt das Reinheitsgebot: Frauen sowie Männer dürfen die Haare nicht länger als 40 Tage wachsen lassen. Der Islam entstand im frühen siebten Jahrhundert. Man kann davon ausgehen, dass somit schon zu dieser Zeit die Intimrasur begann. Damals wurde der Intimhaarschnitt noch überwiegend aus hygienischen Gründen praktiziert, damit sich keine Parasiten oder Ungeziefer wie Läuse oder Milben festsetzen. In den süd- sowie ostasiatischen Ländern herrschte oft trockenes Klima und Wasserknappheit. Deswegen war minimale Körperbehaarung sehr praktisch.  Anfang des 20. Jahrhunderts wanderte der Trend dann nach Europa und in die USA. Mit dem Aufkommen der Elektrizität wurde schließlich der erste Elektrorasierer erfunden. Seid ungefähr 1940 sind die Geräte auf dem Markt und werden immer wieder revolutioniert. Während der Frauenbewegung in den siebziger Jahren drehte sich der Rasier-Trend jedoch kurzeitig um. Die weibliche Körperbehaarung wurde auf Demos und Sit-ins absichtlich inszeniert und öffentlich präsentiert. 

Heute: Zwischen Scham und Empowerment

Trotz vieler feministischer Bewegungen von Aktivistinnen und Influencerinnen, die Empowerment stärken, bleibt die Ganzkörperrasur Trend.

Ich rasiere mich trotzdem, auch wenn es mich nervt. Es ist lästig und anstrengend. Jedes Mal dauert es super lange und meine Haut ist danach stark gereizt. Schön sah das noch nie wirklich aus. Doch wenn ich es nicht täte, würde ich mich schämen und unwohl fühlen. Zumindest wenn ich meine Achselhaare nicht rasiere. An den Beinen habe ich nicht so große Probleme damit, obwohl meine Haare dunkel und dick sind. Wenn andere Freundinnen das sehen, wundern sie sich und finden es „krass“ . Ich rasiere mich häufig nur vor einem wichtigen Treffen, einem Date oder im Sommer, wenn ich zum See fahre. Da habe ich dann das Gefühl, es machen zu müssen, weil es eben jeder macht und ich mich dann auch schöner fühle. Es gab schon Situationen, in denen ich mich für meine Achselhaare geschämt habe, weil andere etwas gesagt haben, wenn ich nicht rasiert war. Denke ich an solche Situationen zurück, frage ich mich immer wieder: Habe ich mich wirklich für meinen eigenen Körper geschämt? Habe ich mich vor meinem eigenen Haarwuchs geekelt? Die Antwort ist: Ja, das habe ich und tue es manchmal immer noch. Doch bin das wirklich ich, die sich schämt, oder wurde ich durch die Gesellschaft dazu verpflichtet, mich schämen zu müssen?

Weibliche Schönheit wird assoziiert mit einem unbehaarten Körper

Nicht nur im Sommer werden Rasierer, Epillierer, Laser und Waxing-Streifen herausgeholt. Niemand will Haare der Frauen an den Beinen, unter den Achseln oder im Schritt sehen. Auch beim Feiern oder Dating nicht. Dazu gibt es heutzutage zahlreiche Angebote von Waxingstudios und Schönheitssalons, um sich die Haare professionell entfernen zu lassen. Weibliche Schönheit wird so mit einem unbehaarten Körper assoziiert. Eine Frau ist somit nur schön und feminin, wenn sie rasiert ist. Trägt sie Haare, ist das unschön und ekelig. 

Die Werbeindustrie erhält das Bild von Weiblichkeit aufrecht

Auch die Werbeindustrie erhält dieses Bild von Weiblichkeit aufrecht. Durch das Konsumieren von Werbung sehen wir täglich Bilder und Videos, in denen Frauen überhaupt keine Haare tragen oder versuchen, die wenigen, kaum sichtbaren Haare zu rasieren. Beispielsweise in der Werbung der Marke Venus sieht man schöne junge Frauen, strahlende Beine und frisch rasierte Achseln. Das Bild ist jedoch stark verzerrt. Denn Frauen haben – guess what – Körperhaare. Und nicht wenige. Durch das Konsumieren verinnerlichen wir teils unbewusst ein bestimmtes Bild der Frau und ihres Körpers und reproduzieren es anschließend selbst, indem wir die angepriesenen Produkte kaufen, die eine Frau so schön machen sollen. Dabei handelt es sich um ein Schönheitsideal, das durch die Werbung zur Norm wurde. Und das, obwohl es eigentlich die Norm ist, dass Frauen Haare haben.

Judgen & shamen

Problematisch ist besonders das Judgen der weiblichen Behaarung. Männer sowie Frauen shamen andere Frauen für einen behaarten Körper – auf der Straße, in der Umkleide, beim Sport, in der Bahn, im Park, auf Instagram. Eigentlich überall. Zeigt man sich als Frau mit Behaarung, kann es jederzeit vorkommen, dass man einen fiesen Kommentar einstecken muss. Das schwedische Model Arvida Byström, das sich in einer Adidas-Kampagne mit unrasierten Beinen zeigte, wurde mit einem Affen verglichen und erhielt zudem Vergewaltigungsdrohungen. 

Hat die Frau Haare, ist sie ein Tier

Die Beschimpfungen, dass sie ein Affe sei, zeigt auf jeden Fall eins: Hat die Frau Haare, ist sie ein Tier. Körperhaare können als Reservat der Natur, des Tierischen und Triebhaften betrachtet werden. Und das Tierische in uns wollen wir nicht sehen, sondern unterdrücken. Zudem ekeln wir uns vor Ausdünstungen und vor den Gerüchen, die der Körper produziert – und die über die Haare stärker riechen. Das rasierte Bein oder die glatte Achsel signalisieren dem Umfeld, dass man sich und seinen Trieb unter Kontrolle hat, da man sich pflegt und an seinem Körper arbeitet.

Die biologische Funktion von Achselhaaren: Sexuallockstoffe

Die biologische Funktion von Achselhaaren und Haaren im Intimbereich wird dabei ignoriert: An ihnen setzen sich die Sexuallockstoffe (Pheromone) fest und werden verteilt, um eine:n passende:n Partner:in für die Fortpflanzung zu finden. Das unbehaarte Geschlecht kann sich also attraktiver anfühlen – doch anziehender ist es eigentlich nicht. Durch unnatürliche Geruchsstoffe wie Deos und Parfüm manipulieren wir die Suche nach der/dem richtigen Partner:in. 

Haarlosigkeit ist nicht hygienisch

Hygienisch ist die Haarlosigkeit auch nicht. Die Intimbehaarung schützt vor dem Eindringen von Schmutz, außerdem saugen die Haare Schweiß auf und verhindern so, dass Bakterien und Pilze sich vermehren. Bei der Haarentfernung im Intimbereich entstehen zudem Hautreizungen und viele kleine Wunden, die sich entzünden und über die beim Sex Viren übertragen werden können.

Der Begriff “Schambehaarung” ist problematisch

Der BegriffSchambehaarung“ selbst ist dabei problematisch, denn er vermittelt uns, dass wir uns für unseren eigenen Körper schämen müssten. Unsere alltägliche Sprache schafft somit eine Realität, in der bereits ein Schamgefühl gegenüber dem eigenen Körper besteht, obwohl dieses vielleicht gar nicht wirklich existiert. Die Verwendung des Wortes “Schambehaarung” verstärkt somit das befremdliche Gefühl an sich und prägt unser Denken.

Eine durchpornographisierte Gesellschaft

Auch durch die Pornoindustrie wird das Bild eines unbehaarten Frauenkörpers reproduziert. Körperhaare sind ein eindeutiges Erkennungsmerkmal für die Geschlechtsreife. Wenn wir in die Pubertät kommen und uns zu einer Frau entwickeln, wächst unsere Körper- und Intimbehaarung. Doch die rasieren wir uns ab. Eine nackte Vagina, wie man sie in Pornos sieht, ist jung und kindlich. Die Frau wird als junges Mädchen dargestellt und ein kindliches Aussehen erscheint somit als begehrenswert in unserer durchpornographisierten Gesellschaft. Das Begehren rührt jedoch nur von einem männlichen Blick her. Die Frau ist die Schutzlose, die sich dem Mann unterwirft. So wird die problematische Vorstellung gezeichnet, dass Frauen sich rasieren müssten, um von Männern beachtet, begehrt und befriedigt zu werden. Dadurch werden patriarchale Strukturen aufrecht erhalten und die Dominanz der Männer fortgeführt.
Doch auch viele Männer rasieren sich und folgen der Porno-Ästhetik. Zudem gibt es immer mehr feministische Pornos, die versuchen, nicht aus der männlichen Perspektive auf den Körper zu blicken. 

Ich hatte eine sehr große Motivation, die Scham zu besiegen

Smi, studiert Bildende Kunst auf Lehramt an der Udk

Unklare Linien, verschwommene und verzerrte collagierte Bilder, Venus und Duschschaum – Das sieht man in dem Video von Smi, das sie in einem Seminar zu „found footage“ erstellte. 

Kritik an der Venus-Werbung

Ich habe mich für die Venus-Werbung entschieden, um daran eine Kritik zu üben. Die Frauen in der Werbung haben perfekt rasierte Beine, doch eigentlich rasieren sie gar nichts. Sie streicheln nur die Beinoberfläche einmal mit dem Rasierer. In meinem “found footage “-Video bin ich selbst zu sehen unter der Dusche, wie ich mich rasiere. Doch es klappt irgendwie nicht richtig.  Ich möchte damit zeigen, wie bei mir eigentlich eine Rasur aussieht – also nicht perfekt wie in dieser blöden Werbung.”

Ich habe mich selber irgendwann dazu entschieden, mich nicht mehr zu rasieren

Ich habe mich selber irgendwann dazu entschieden, mich nicht mehr zu rasieren. Das war sehr schwierig. Ich habe mich in meiner Jugend immer rasiert, aber fand’s super nervig. Bei mir war das auch immer chaotisch. Ich hatte beim Rasieren immer super Pickel und Rötungen, dann hat das gejuckt. Ich hatte immer Druck, das zu machen. Irgendwann habe ich die Haare dann wachsen lassen. Das hat aber auch eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe. Damals hat mich eine Freundin dazu inspiriert. Sie meinte, dass sie gar keinen Bock darauf hat, sich zu rasieren. Sie hat einfach drauf geschissen. Das fand ich super strong. Ich will aber nicht damit sagen, dass ich es doof finde, wenn man sich rasiert. Ich finde es einfach nur cool, wenn man sich als Frau dazu entscheidet, sich nicht zu rasieren.  Ich finde diesen pressure nur so blöd, genauso blöd wie die Werbevideos.

Hinterfragen ist wichtig

Es ist wichtig, mal die Werbung und den kapitalistischen Markt zu hinterfragen – woher kommt denn eigentlich dieses Bild? Wir sind ja nicht geboren und es ist einprogrammiert, dass Frauen keine Haare an den Beinen oder unter den Achseln haben. Es ist wichtig, dass man hinterfragt, warum man sich denn als Frau schämt, wenn man lange Haare an den Beinen trägt. Ich hatte ein aha-Erlebnis, als Freundinnen von mir super viel Geld für Haarentlaserung ausgegeben haben. Es hat mich irgendwie super aufgeregt, dass sie das gemacht haben. Nur weil sie es blöd finden, dass sie an ein paar Stellen Haare haben, z.B. am Hals oder Rücken. Sie haben sich dann auch über mich aufgeregt, dass ich das so kritisch sehe. Da habe ich dann gemerkt, dass es eben darauf ankommt. Wenn man sich eben besser damit fühlt, dann sollte man es auch machen. Das möchte ich dann auch nicht verurteilen. Es ist wichtig, das Bild mal zu hinterfragen. Aber wenn man sich dann trotzdem dazu entscheidet, sich zu rasieren, weil man das schöner findet, ist das voll okay.” 

Das Schamgefühl ist fest verankert

“Am Anfang war es gar nicht leicht. Das Schamgefühl ist so fest verankert. Das ist so ätzend. So viele gesellschaftliche Mechanismen greifen auf meine Weiblichkeit und sagen mir, wie ich sein muss. Man kann nicht so leicht so sein, wie man will. Man hat Angst, dass man ausgelacht oder komisch angeguckt wird. Und das passiert leider auch. In der Bahn, beim Vorbeilaufen oder beim Warten – Leute starren gerne mal. In einer Gruppenarbeit mit vier Typen gab es Momente, in denen alle vier auf meine Beine gestarrt haben. Auch einmal, als ich die Straße überqueren wollte, hat ein Typ einen abfälligen Kommentar über meine Beine gemacht. Da war ich echt geschockt.

Ich hatte eine sehr große Motivation, die Scham zu besiegen

“Irgendwann überwindet man das dann aber. Ich hatte eine sehr große Motivation, die Scham zu besiegen. In den ersten Schritten, wo ich gemerkt habe, dass es klappt, hat mich das super empowert. Zudem habe ich auch neue Leute kennengelernt, die das auch gemacht haben. Da hat man sich gegenseitig empowert. Es war okay, sich manchmal zu rasieren, aber manchmal eben auch nicht. Ich habe mich eine Zeit lang ab und an wieder rasiert, also je nachdem, wie ich Lust hatte. Aber jetzt seit ein paar Jahren gar nicht mehr. Wir haben gemeinsam die Klischees bekämpft und mit neuen Erlebnissen unterschrieben.”

Männer haben Haare und Frauen auch.

“Je mehr Frauen ihre Behaarung wachsen lassen, desto mehr Frauen können dann auch frei entscheiden, ob sie sich rasieren wollen oder nicht. Weil man dann auch sieht: Hey es ist gar nicht blöd, wenn ich mir meine Haare nicht rasiere. Man sollte solidarisch sein mit den Leuten, die sich dafür entscheiden. Männer habe Haare und Frauen auch.“

Venus
Smi
https://m.soundcloud.com/mischigirl

Bewusstsein & Empowerment stärken: Auch ein weiblicher behaarter Körper ist schön

Aktivistinnen ermächtigen sich selber, indem sie sich von den bestehenden Schönheitsidealen lösen – sich die Achselhaare färben und ihre Behaarung selbstbestimmt tragen. Das schafft Empowerment für Frauen, die sich vielleicht noch nicht trauen, ihre Behaarung so zu tragen, wie sie ist, es aber gerne tun würden. Sich als Frau gegenseitig zu empowern ist ein wichtiger Schritt hin zu einem selbstbestimmten Umgang mit dem Körper. Es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Frauen Haare haben und tragen, wenn sie wollen. Und wenn sie das nicht wollen, ist das auch legitim. Das Hinterfragen der gesellschaftlichen Zwänge, denen unser Körper unterliegt, ist ein Anfang, um sich dem Bild seines eigenen Körpers bewusst zu werden und sich damit auseinanderzusetzen, warum man sich ekelt oder schämt. Eine Frau sollte sich aktiv und eigenständig dafür entscheiden können, Haare zu tragen oder sich zu rasieren, ganz wie sie mag. Haare oder keine – beides sollte akzeptiert sein; man sollte sich auf keinen Fall für seinen eigenen Körper schämen müssen. Auch ein weiblicher behaarter Körper ist schön. 

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