Erinnerungen – man ist, was man erlebt

Mich beschäftigt in meiner Kunst das Thema Erinnerungen. Manchmal wenn ich etwas erlebe, etwas rieche oder ein bestimmtes Lied höre, bin ich plötzlich in meinem Dorf, im Haus meiner Familie oder an meiner Uni. Ich erinnere mich wie es mir ging, wo ich war und was ich gemacht habe und würde einige Orte auch mit geschlossenen Augen wiedererkennen.

In Deutschland habe ich das Sprichwort „Man ist, was man isst“ gehört. Ich habe das Sprichwort zu „Man ist, was man erlebt“ geändert. Das passte so treffend zu meinen Gedanken, weil ich immer versucht habe, in alltäglichen Gesprächen und beim Reden über meine Kunst die Erinnerungen, die in meinem Gedächtnis verankert sind, durch Symbole auf meinen Bildern zum Leben zu erwecken.

Unsere Heimat liegt in unserer Erinnerung. Unsere Persönlichkeit wird von dem gebaut, was wir erleben. Wir suchen immer nach etwas, das uns komplett macht. Freude, Liebe, Spaß, Trauer. Alles was wir erleben, wird zu Symbolen in unserem Gehirn. Ich versuche in meinen Arbeiten, diese Symbole in die echte Welt zu bringen.
Deswegen male ich viele Details. Ich möchte bei den Leuten, die meine Bilder betrachten, viele dieser Symbole wecken. Sie sollen entdecken, was sie vor 10, 20 oder mehr Jahren erlebt haben und die Teile, die sie verloren hatten, wiederfinden.

Ich bin ein Künstler aus Syrien. Jetzt wohne ich seit fünf Jahren in Deutschland, habe eine deutsche Verlobte, Freunde, studiere an der Universität, spreche Deutsch, ich wirke gut integriert. Aber ich fühle mich nicht so, denn ein großer Teil meines Lebens, 26 Jahre, ist in Syrien geblieben. Meine Kindheit, Freunde, Schule – all dies ist dort in
meinem kleinen Dorf. Das Kind, das in mir lebt, ist dort geblieben. Ohne meine Erinnerungen wird es nicht mehr existieren, werde ich nicht mehr existieren.

So ist auch unsere Geschichte. Ohne die Erinnerungen würde sie nicht existiert, aber weil die Geschichte nicht von einem, sondern vielen Menschen gelebt wurde, bleibt sie bestehen, denn die Kunst existiert, um die Erinnerungen festzuhalten. Kunst wird von den Lebenden geschaffen und bleibt auch über den Tod hinaus bestehen.

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