Körperwerdung

Seit Oktober 2020 treffen wir uns regelmäßig, um gemeinsam Fragen über uns und unsere Umwelt zu bearbeiten. Wir kreisen dabei um Steine, ihre Geschichten, ihre Zeitlichkeit. Um die Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft und wie wir uns zu ihnen hingezogen fühlen. Um Kräfte, Körper und die Wahrnehmung unserer Umgebung. Immer wieder geht es um die Frage: Ist alles um uns herum beseelt? Und wie gehen wir damit um?

Ein Text der isländischen Philosophinnen Jóhannesdottír und Thorgeirsdottír war ein Ausgangspunkt. Die beiden kritisieren, dass die westliche Philosophie das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt von einem rein kognitiven Ansatz aus diskutiert, obwohl doch unsere eigenen Körper Natur sind und daher der Ausgangspunkt für derartige Untersuchungen sein sollten.1

Aktiv wollten wir der Frage nachgehen, wie die konstruierte Trennung zwischen Menschlichem und Natürlichem aufgelöst werden kann.

Die Körper, unsere Körper rückten mehr in den Vordergrund.

Auf der Suche nach Orten, die uns berühren oder auffallen, ging es immer wieder darum, wie diese Orte entstehen. Liegen sie an einer besonderen Stelle? Was macht sie besonders? Wurden sie aktiviert und durch wen? Können wir selbst Orte aktivieren, und wie? In der Stadt oder auf dem Land, manche Orte sind aufgeladener als andere. Ist es ein Unterschied, ob ein Ort aktiviert oder nur markiert ist und warum markieren Menschen Orte? Kann man diese Orte spüren, ohne von ihnen zu wissen?

Es war ein wichtiger Schritt, dazu zu stehen, dass wir uns mit der Natur verbinden wollen. Wir sind auf der Suche nach Halt, nach Ansätzen, um die Welt und ihre Zusammenhänge, das Verhältnis der Wesen und Dinge zueinander zu verstehen oder zu erahnen. Umgeben von Yoga, Selbstfindung und Meditationstutorials unter dem kapitalistischen Dogma der Selbstoptimierung spürten wir jedoch Widerstand, dem Bedürfnis nachzugehen.

Unserem Wunsch, eine Kosmologie zu finden, steht generell ein großes Misstrauen entgegen. Unsere kulturelle Prägung – von der Aufklärung über die europäische Geschichte des Kolonialismus bis hin zum Fortschritts- und Wissenschaftsglauben des 21. Jahrhunderts – macht es uns grundsätzlich schwer, „nicht-rationales“ Wissen als Erklärungsform anzunehmen. Auf der Suche nach Erklärungen kamen wir oft in Kontakt mit Wissen, das außerhalb unserer kulturellen und zeitlichen Prägung liegt. Wir wissen um die Gefahr der ungebührlichen Aneignung von Wissen, Ritualen und kulturellem Habitus und sehen eine schwierige Aufgabe darin, einen Weg zu finden, damit verantwortungsvoll umzugehen. Respekt und Vorsicht sind unsere Begleiter auf diesem Weg.

Liegen mit Hemd

Wir suchten Positionen, in denen wir uns besser auf unsere Körperwahrnehmung einlassen können. Die Form der Brücke, eine Öffnung des Körpers in die Welt, eine Überstreckung, in der wir uns hingeben können, wurde zum Ausgangspunkt. Dafür bauten wir Gerüste, zwei Halbkreise, die an unsere individuellen Körpergrößen angepasst sind. Die eine Liege ist etwas kleiner als die andere, dadurch passen sie ineinander. Diese Liegen erlauben uns, in der Brücken-Position zu verweilen – und uns auf die Körperwerdung einzulassen und Natur zu sein.

Im Mai fuhren wir für 10 Tage an einen Ort in Brandenburg und verbrachten Zeit im Wald, auf der Wiese und dem Feld. Unter, auf, zwischen den Gerüsten. Wir kreierten ein Ritual, eine Bewegungsabfolge, die uns die Entscheidungen, was als Nächstes kommt, abnahm. Die Wiederholungen, das Vertraute der Bewegungen befreite, der Kopf wurde leer. Es fühlte sich an, als wurden wir ein Teil von dem Ort – keine Fremdkörper mehr. Überkonstruktionen und Zweifel waren kurz vergessen.

Liegen mit Kleidung

Seitdem versuchen wir, unsere Suche nach Zugängen zur Welt zu dokumentieren. Wir fragen uns, ob wir nicht einem alten, ur-menschlichen Bedürfnis nachgehen. Zusammengeschustert aus verschiedenen Quellen – körperlichen Erfahrungen, Dokus, Menschen, die uns Geschichten erzählten, Yogastunden, Texten von Anthropolog*innen, Familientraditionen, …. –  beginnen wir, unsere eigene Kosmologie zu entwickeln. Die Gerüste dienen uns dabei als Prothesen, als Erweiterungen der eigenen Körper. Sie geben uns eine Form, um Teil der Landschaft zu werden und funktionieren als Antennen, um uns mit der Umwelt zu verbinden.

1„Reclaiming Nature by Reclaiming the Body“ (2016) Jóhannesdóttir/Thorgeirsdóttir, University of Iceland

Willst du die Liegen auch mal ausprobieren?  Schreib uns unter f_liegen@riseup.net oder kontaktiere uns auf Instagram unter @maue.salado bzw. @rauch_berlin

Dialog

Ich bin grade nicht traurig, aber ich fühl mich
schuldig deswegen.

Weshalb fühlst du dich schuldig?

Angesichts dessen, was alles kaputt geht grade
auf der Welt, gut drauf zu sein.

Ich finde Schuld unangenehmer als Trauer.
Bei Schuld habe ich das Gefühl, es liegt an mir.
Ich hätte, könnte, sollte. Es hat sowas Moralisches.
Trauer ist für mich mehr mit Ohnmacht verbunden.
Man kann nicht so hart sich selbst gegenüber sein.
Aber vielleicht habe ich noch nie starke Trauer verspürt.

Ich hab Trauer gespürt und hab gelernt, damit umzugehen.
Auch, dass ich auch wieder gut drauf sein kann – und muss.
Aber das planetare Massensterben von Tieren, Pflanzen und
Lebensräumen geht die ganze Zeit weiter,
deswegen kann ich gar nicht anfangen,
es zu verarbeiten.

Ich ahne, dass so viel Schlechtes passiert
und verschließe mich. Stecke den Kopf ins Loch.
Ich habe das Gefühl, wir haben so viele Fragen aufgemacht.
So wie den Waldboden, den wir aufgewühlt haben. (…)
Erinnerst du dich an den Moment,
als du keine Entscheidungen mehr treffen konntest
und gehen wolltest und ich recht intuitiv die Nadeln und Blätter
wieder über den Waldboden verstreut hatte?
Das Aufgewühlte überdeckt, versteckt, verdrängt.
Jetzt stehe ich vor dem halb zugedeckten Boden
und weiß nicht weiter. Wohin gräbt man?
Ich habe das Gefühl, das Projekt geht zu nah
an meine Substanz und ich weiß nicht,
wie ich damit umgehen soll.

Hm. Wie ist das bei bisherigen Löchern, die du gegraben hast?
Für mein Gefühl ist es gelockert gut. Ich fand es okay,
dass du den Boden wieder bedeckt hast, aus Respekt.
Aber ich hätte es auch offen gelassen und gesagt,
mal gucken, was die Sonne direkt auf dem Boden macht,
ein bisschen Wasser war ja da.

Die Löcher waren für mich auch offene Fragen,
aber in einer definierteren Form. Aufgerauter Boden hat sowas Undefiniertes, Ephemeres. Es lässt viel mehr offen.
Das finde ich jetzt, wo ich drüber nachdenke, auch stark.
Aber für mich schwieriger zugänglich.

Ok das versteh ich.
Für mich ist das Aufgelockerte, das Chaotische,
in dem sich neue Verbindungen ergeben und alles möglich ist,
eigentlich der Idealzustand.
Ich hab eher Angst vor dem Festen, Dichten, Definitiven.
Ich fühl mich im Umbruch und Aufbruch oft am stabilsten.
Vielleicht, weil auf diese Prozesse oft die Aufmerksamkeit gerichtet ist
und bewusst viel Kraft und Konzentration aufgebracht werden. 
Je dichter und definierter Prozesse sind, desto mehr zerfasere ich.
Im Guten wie im Schlechten.

(…) Gerade hatte ich ein Gespräch über
das Potential der Verbindung von Wissenschaft und Kunst.
Künstlerische Forschung hat so viele Freiheiten
in ihrer Herangehensweise und ihrer Form.
Es gibt  kein richtig oder falsch.
Wir müssen uns nur halbwegs klar werden,
was wir sagen wollen und dann schauen,
in welcher Form es funktioniert.
Ausprobieren und Wirkenlassen hat einen so großen Einfluss.
Und die Intuition. Oder das ästhetische Gefühl.

Ich würde gerne etwas entwickeln,
was im offiziellen Dialog mitmachen darf.
Als künstlerische Form, nicht als wissenschaftliche .
Und trotzdem als Form des Wissens.

Und es sind Erweiterungen des Körpers,
die es einem erlauben, etwas Neues zu werden.
Eine neue Form, ein neuer Körper in der Landschaft.
Zugleich bin ich es und zugleich bin ich etwas Anderes –
ein Teil von etwas Größerem?

(…) Ich glaube wir entwickeln ein Ritual,
um Körper und Orte zu aktivieren, zu energetisieren.
Ich hab keine Ahnung, wo das hinführt. Bisher tut es gut.

Scroll to Top