Reaktionen auf Diskriminierungserfahrungen an der UdK #2

Der zweite einer Reihe von Artikeln von Intersectionality.Diversity.Antidiscrimination-Mitglieder*innen und Redaktionsmitglieder*innen des eigenart Magazins als Reaktion auf anonyme Berichte von Studierenden über Diskriminierungserfahrungen, die von der I.D.A seit 2021 gesammelt wurden. In diesem Artikel antwortet die Autorin auf eine anonym eingereichte “Diskriminierungserfahrung” und hinterfragt das Verständnis des Absenders von struktureller Diskriminierung.

Die Erfahrung, um die es geht:

“Für mich als weißen Mann kommt es gelegentlich zu Anfeindungen von Verfechtern des Genderns, wenn ich nicht gendere. Es wird aufgrund meines Geschlechts unterstellt, ich würde nicht gendern, weil ich (gemäß dem Dogma des Intersektionalismus) meine vermeintliche patriarchalische Macht absichern wolle. Abgesehen davon dass die Unterstellung nicht stimmt (ich habe viel bessere sachliche Gründe), ist bereits das mitschwingende Dogma des bösen weißen Mannes dieser Bewegung eine Belastung im täglichen Umgang mit dessen Anhängern. Die intersektionale Theorie ist mit ihrer willkürlichen Unterteilung nach Geschlecht, Hautfarbe etc. im Kern sexistisch und rassistisch und kann deshalb zu nichts gutem führen (siehe NS Zeit). Deshalb – gerade weil ich mich engagiere gegen Diskriminierung – empfinde ich eine dogmatische Verurteilung weißer Männer als Diskriminierung. Falls das nicht klar wurde: Schutz vor Diskriminierung ist mir wichtig. Wenn die Methodik aber über Leichen geht, dann stimmt was nicht.”

[Kursivsetzung durch eigenart]

Ein illustration der vielen bunten Steinen. Viele helle und kleine Steine liegen auf einen größen dunkeln Stein. Dahinter sind kleine dunkele Steine.
Illustration von Krzysztof Łakomiec.

Wenn eine weise Frau singt 
You better think
Think about what you’re trying to do to me
Let your mind go, let yourself be free, 
dann denkst du an Gut und Böse.
Dann hast du Angst, weil du denkst, 
es geht um Gut und Böse, weil du denkst, 
es ist ein Spiel und in diesem Spiel bist du Mann, 
weiß und Böse. 

Und obwohl du eigentlich schon immer lieber Gut gewesen wärst, 
willst du doch vor allem nicht verlieren. 

Du denkst, es geht um Schuld. Du fürchtest, es geht um Rache. 
Du denkst, es geht um Gut und Böse.
Täter böse, Opfer gut.

     Das fehlende Glied in der Gedankenkette oder Eine Gedankenkette und ihr fehlendes Glied?*

     Du sagst, du wirst diskriminiert aufgrund der Tatsache, dass du keine gendergerechte Sprache benutzt. 
     * Du sagst, dass du diskriminiert wirst, wenn du keine gendergerechte Sprache benutzt, weil du ein weißer Mann bist.
     Du sagst, dass du die gendergerechte Sprache nicht deshalb ablehnst, weil du ein weißer Mann bist.
     Du sagst, dass du bessere sachliche Gründe hast, die gendergerechte Sprache abzulehnen, als den existierenden Grund, ein weißer Mann zu sein.
     Du sagst, du wirst diskriminiert aufgrund der Tatsache, dass du keine gendergerechte Sprache benutzt. 
     * Du sagst, dass du diskriminiert wirst, wenn du keine gendergerechte Sprache benutzt, weil du ein weißer Mann bist.
     Du sagst, dass du die gendergerechte Sprache nicht deshalb ablehnst, weil du ein weißer Mann bist.
     Du sagst, dass du bessere sachliche Gründe hast, die gendergerechte Sprache abzulehnen, als den existierenden Grund, ein weißer Mann zu sein. 

     Du erläuterst diese Gründe nicht. 

     Du sagst, es gibt da diese eine Bewegung.
     Du sagst, es gibt die AnhängerInnen dieser Bewegung, mit denen du einen täglichen Umgang pflegst. 
     Du sagst, dass dieser Umgang belastend ist.
     Du sagst, es gibt das Dogma des bösen weißen Mannes, mit dem die AnhängerInnen dieser Bewegung dich täglich belasten.
     * Du sagst, dass die belastenden AnhängerInnen der Bewegung die Menschen willkürlich nach Geschlecht und Hautfarbe und Etcetera unterteilen.
     * Du sagst, dass die Unterteilung nach Geschlecht und Hautfarbe und Etcetera willkürlich ist.
* Du sagst, dass diese willkürliche Unterteilung dich als weißen Mann besonders benachteiligt.
     Du sagst, diese Unterteilung sei im Kern sexistisch und rassistisch.
     Du sagst, diese Unterteilung könne zu nichts Gutem führen. 
     * Du sagst, ich solle mir die NS-Zeit ansehen.

     Das fehlende Glied in der Gedankenkette oder Eine Gedankenkette und ihr fehlendes Glied?*

Wenn eine weise Frau singt 
You better think
Think about what you’re trying to do to me
Let your mind go, let yourself be free, 
dann denkst du an Gut und Böse.
Dann hast du Angst, weil du denkst, 
es geht um Gut und Böse, weil du denkst, 
es ist ein Spiel und in diesem Spiel bist du Mann, 
weiß und Böse. 

Du denkst, es geht um Schuld. Du fürchtest, es geht um Rache. 
Du denkst, es geht um Gut und Böse.
Täter böse, Opfer gut.

Na dann doch lieber Opfer werden heutzutage.
Die Sprache der Täter kann man ablegen, die Sprache der Opfer kann man lernen?
Die Methodik der AnhängerInnen einer Bewegung, die über nicht-existente Leichen weißer Männer geht, um ihren Opferstatus aufrechtzuerhalten?
Die kann man (ganz sachlich) herbei philosophieren. 
Die strukturelle Diskriminierung, gegen die man sich nunmehr anonym verteidigen darf?
Die kann man endlich empfinden.

Ein weiser Mann schrieb

     the formula created by the necessity 
     to find a lie more palatable than the truth has been 
     handed down and memorized 
     and persists yet 
     with a terrible power 

Bleibt nur noch die Frage, 
worum es bei der ganzen Sache eigentlich geht.

In einem Podcast schilderte eine Person die folgende Situation: 
Die Person leitete einen Workshop für Schwarze Jugendliche in Berlin und fragte zu Beginn des Workshops in die Runde: 

     Was ist Diskriminierung?
     Ein junges Mädchen antwortete: 

     Also erstens mal kann man doch über Diskriminierung gar nicht sprechen, ohne vorher über strukturelle Machtverhältnisse zu sprechen.

Ich denke seitdem sehr oft an dieses mir unbekannte Mädchen und an ihre kluge, sachliche Antwort. Ich denke an ihre Neugierde, an ihren Mut zur Analyse, an die Dringlichkeit ihrer Frage, an ihre Hoffnung.

Ich denke auch an die von dir ungeahnten Möglichkeiten, die sich ihr 
jenseits deines Gut und Böse, 
jenseits deines Täter-Opfer-AnhängerVerfechterDogmen-und-Ismen-Spiels ergeben, 
die sich nämlich genau und erst dort 
ergeben, 
wo sich inmitten der Zusammenhänge
die Bindestriche, 
die Zwischenräume 
erschließen lassen.

Kein Netz besteht nur aus Flächen.
Und das kluge Mädchen wird nicht an der Kreuzung auf dich warten.

Es zu wagen, 
die Struktur in der Willkür der Unterteilung 
zu erkennen,
das Netz zu sehen, 
die Konsequenzen des Sehens zu benennen, 
anstatt zu bestimmen und zu definieren, zu korrigieren, Lärm zu machen, abzulenken,
nur um ganz offiziell bestritten zu haben, 
dass man nicht wagt, hinein zu fühlen 
in diesen Raum zwischen den Flächen
Abgrund zwischen den Ebenen
leben zwischen den stühlen
dass man Angst hat?
Ja.
Das ist sicherlich eine besonders schwere Hürde 
für einen so selbstbestimmten 
weißen
Mann. 

Eine weise Frau singt.

     People walking around every day
     Playing games and taking scores
     Trying to make other people lose their minds
     Ah, be careful you don’t lose yours
     You better think 

or ask for a little help from your friends 😉


Illustration von Krzysztof Łakomiec. Text von Dior Thiam. Dieser Artikel ist eine Zusammenarbeit mit der studentischen Initiative Intersectionality.Diversity.Antidiscrimination.

Dieser Artikel wurde erstmals in der eigenart Printausgabe im Juli 2022 veröffentlicht.

Scroll to Top