SWIPE_ON_MOBILE_FOR_IMMOBILITY_

Globalisierung. Digitalisierung. Mobilisierung. Schnelllebigkeit. Swipe Right. Swipe Left. Sliding into Direct Messages. Sliding into Zukunftsdystopie. #Swipingforever: Tinder.

Eine Illustration einer Person, die auf Tinder wischt. Auf der linken Seite ist ein Paar mit roter Farbe verschmiert. Auf der rechten Seite sind zwei Menschen, die Sex haben, mit grüner Farbe verschmiert. Eine Person hat eine Seifenblase über dem Kopf und stellt sich ein schwarzes Loch mit einem explodierenden Stern vor.
Bild von Anja Blaser

Wir stehen nicht still. Wir legen uns nicht fest. Wir sind mobil. Gehen ins Café mit dem Laptop und Smartphone. Bewerben uns auf eine Handvoll unterbezahlte Jobs. Haben so viel Koffein intus, dass die Panik an der Schädeldecke klopft. Die Hände zittern und versuchen in jeder freien Minute, die Zeit zu nutzen. Konzentrierter Blick aufs Smartphone. Der Daumen tanzt auf dem Bildschirm in einer Geschwindigkeit, die es ins Guinness World Records 2022 schaffen würde. 

Schnell bewegt sich der zitternde Daumen. Links. Links. Links. Links. Rechts. Links. Links. Puh. Ich bin Frischfleisch, frisch aus einer Beziehung. Zuletzt die App benutzt vor vier Jahren und einige Gesichter kenne ich noch. Sie sind auf der Suche, aber nicht nach mir.

Wir bewegen uns von A nach B, von links nach rechts. Auf und ab. Von der Uni zur Psychotherapie. Dann kurz nachhause, wo die Stille kaum erträglich ist. Da fehlt etwas. Eine Person, die uns den Kopf streichelt und sagt, dass wir alles richtig machen. Dass wir jetzt eine Pause verdient haben. Das Handy vibriert. 

Ein neues Match. Er schreibt. Sieht gut aus, Song ist ok, in der Biografie steht: „Auf der Aperolspur“. Er will mich treffen. Will ich das? Wie heißt er nochmal? Sie sehen alle gleich aus. Auch die Treffen sind immer gleich. Wir gehen etwas trinken, drei Bier, manchmal mehr oder weniger, wir lachen, verstehen uns blendend, er ist kleiner als erwartet, aber das Gesicht sieht aus wie auf den Bildern, wir küssen uns irgendwann inmitten der Bar, ziemlich peinlich, wir ziehen weiter, Hauptsache nicht zu mir, wir haben Sex, ich fahre nachhause – brauche meine Ohropax und Nasenspray – ich bin gut zuhause angekommen, war lustig mit dir, gute Nacht. Ob wir uns nochmal sehen? Das Handy vibriert. 

Ein altes Match schreibt mir. Jan, Sternzeichen Waage, Bilder sind ganz süß, wie er wohl lachend aussieht, der Song soll witzig sein, ich lache nicht. Unsere Sternzeichen sind nicht kompatibel. Wir treffen uns und reden über seine letzte Beziehung. Über Bindungsangst, Verlustangst, Eifersucht, offene Beziehungen, Monogamie. Radikale Zärtlichkeit, tolles Buch. Was wohl für die Natur des Menschen am gesündesten ist? Inwiefern ist Dating bereichernd und inwiefern Beziehungen? Verschwende ich meine Zeit? Wir haben schnellen Sex, der Satisfyer macht zuhause den Rest.  

Ich schreibe beiden nie wieder und sie mir auch nicht. Ich frage mich wieso sich nie jemand in mich verliebt. Ich frage mich, wann ich stillstehen werde. Wonach ich Ausschau halte. Ich bin abgebrüht, ich ghoste und werde geghosted. Rede in der Therapie darüber. Schreibe Gedichte. Mache viele Bilder von mir und zeige Schönheit. So wie alle anderen. Ich bin wunderschöne Massenware. Vegan, noch keine Lippen mit Hyaluron-Filler, noch keine Fox Eyes, noch keine gemachten Nägel, noch kaum Instagram– und TikTok-Einfluss. Unser Schönheitsideal ist genauso perfekt wie die abgepackte Ware im Supermarkt. Genauso natürlich wie die Kardashians. Genauso makellos wie unser hauseigenes Chemielabor aus Beauty-Produkten, die nichts enthalten, aber alles versprechen. Wir sind genauso echt, wie ehrlich zu uns selbst. Verlieren uns in einer Welt, die an unsere perfekte Plastik-Barbie-Traumvilla von früher erinnert. Als der Prinz und die Prinzessin sich küssten und wir ihr danach wild die Haare abschnitten. 

Wir krallen uns fest an einer Illusion, die sich früher oder später vor unseren  Augen auflöst. Die Illusion, dass wir es verstanden hätten. Narzissmus ist die neue Selbstliebe. Wir haben dutzende Dates und reden über unsere Sternzeichen, unsere Eltern – über Dinge, die einen tieferen Sinn haben könnten. Die uns vormachen, dass wir lieben könnten. Suchen wir den einen Menschen fürs Leben und merken dabei nicht, dass diese eine Person nicht perfekt ist? Dass diese Person nicht so perfekt ist, wie unsere immobile Mobilität es uns verkauft? Wir kriegen Perfektion auf einen Swipe und sind so durstig. Wir verbauen uns Möglichkeiten, indem wir nie so richtig da sind. Wir sind in der Zukunft, weil wir so mobil sind. Wir sind so immobil im Moment. Wir sind im Zwiespalt zwischen unserem Ego, der selektiven Selbstdarstellung und der Coolness auf der einen Seite und andererseits dem eigentlichen Bedürfnis nach echter Nähe. Wir sind einsam.

Zwischen all der Vielfalt, die uns bereitgestellt wird, die wir mit unseren eigenen Daten füttern, dem Produkt, das wir nun sind, die Zahl, die mit den anderen zerfließt, zwischen all diesen Dingen, bleiben nur wir selbst. Ich bin am Ende, auch wenn ich nicht weiß, wo das ist. Ich gebe keinen Swipe mehr ab. Ich ziehe mich zurück. Schreibe wieder mit meinem Ex und genieße die Nähe. Schreibe mir selbst. Und plötzlich vibriert das Handy. Mehrere ungelesene Nachrichten. Ich wurde von Tinder gepusht.

Der Algorithmus hat mich gesehen und erkannt, dass ich aufhören will. Ich spüre das Dopamin. Spüre den steigenden Puls. Mir schreiben mehrere alte Matches auf einmal und die Hoffnung kehrt heim, wo sie nicht hingehört, in eine App, der ich gehöre. Ich bin der Black Friday Sale und alle schlagen zu. Bis die Sicherung durchgebrannt ist, eine Pause einkehrt und alles wieder von vorne anfängt. Lebend in einer Endlosschleife. Und aus Facebook wird Meta und ein Symbol ♾ als neues Logo poliert das Image.

Ein Symbol der Unendlichkeit, wie bei The Circle. Black Mirror wird real, die gesellschaftspolitische Dystopie ist die kapitalistische Utopie. Für das Feuer sind wir die Brandbeschleuniger und diejenigen, die keine Luft mehr kriegen werden, zugleich. Hoppla! Dir ist ein Match entgangen! Hol dir Gold, um zu sehen, wer dich mag. Tinder, oder auch: Kapitalisierung der Liebe. Mobilisierung einst seltener Romantik. Immobilisierung selbstreflektierter, ehrlicher Repräsentation der individuellen Vorstellungen und Begehren.


Mascha Fouquet ist gebürtige Berlinerin und studiert seit 2021 ihren Master in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin. Ihren Bachelor absolvierte sie an der Filmuniversität Babelsberg im Fach Digitale Medienkultur. Bei netzpolitik.org veröffentlichte sie bereits eigene Artikel und abgesehen vom Schreiben interessiert sie sich vor allem für gesellschaftlichen Wandel, intersektionalen Feminismus, Gaming, Filme und Literatur.

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