Szenen der gem:Einsamkeit

Grafiken: Sebastian Lörscher: Die Schatten der Gesellschaft. Eine Reportage über die Obdachlosen der Gesellschaft

1.

Bahnhof Zoologischer Garten, 20.30 Uhr. Ich warte auf die U-Bahn, das Handy in der Hand, versunken in Kopfhörerklänge. Trotz noise-cancelling höre ich immer wieder eine laute Stimme, genervt blicke ich auf und nehme einen Mann war, der den Bahnsteig erregt sprechend und wild gestikulierend auf und ab läuft. ‘Berlin’, denke ich entnervt und lese weiter meine Mails.

U-Bahn Waggon, wenige Minuten später. Offensichtlich in Aufregung, redet der gleiche Mann auf die versammelten Fahrgästen ein. Ob des neuerlich gestörten Hörerlebnisses verschlechtert sich meine Laune rapide. Ich beschließe, mir den “Störfaktor” genauer anzuschauen: Er dürfte Ende 20 sein, hat ein etwas verwahrlostes Äußeres, auf dem Rücken einen großen Wanderrucksack, an den Füßen löchrige, zu große Sneakers und in der Hand einige Obdachlosenzeitungen. Ich beschließe, meine Musik zu pausieren, aber die Kopfhörer vorsichtshalber nicht abzusetzen – man möchte ja nicht den Eindruck eines zu großen Interesses erwecken – der Kopf neigt sich beschäftigt über das Smartphone.

– “Ich wollte doch nur helfen, und die haben mich als ‘verrückt’ bezeichnet! Ich wollte denen doch nur sagen, dass er kaum eine Hose anhat. Wissen Sie…”.

-“Ziehen Sie gefälligst Ihre Maske über die Nase und gehen Sie hier weg” – ein Fahrgast in Cordanzug fährt dem Obdachlosen ins Wort. Dieser zieht, um Entschuldigung bittend, die Maske wieder hoch, tritt in den Türbereich zurück, fährt aber hastig fort zu sprechen:

-“… er lief doch nur mit einem Hosenfetzen bekleidet, mit dem er sich kaum seinen Intimbereich bedecken konnte, durch den Bahnhof”. Mir dämmert, um welchen Obdachlosen es sich handelt – ich habe ihn häufig gesehen. Der junge Mann hat eine gewählte Ausdrucksweise, ich werfe ihm unauffällig einen weiteren Blick zu.

-“Ich bin zur Polizei gegangen, wissen Sie, die müssen dem doch eine Hose geben und sie haben mich weggejagt – ‘Der ist doch durchknallt, der will das gar nicht’ sagten sie…”,

-“Sie sind durchgeknallt, machen Sie, dass Sie fortkommen. Die Fahrgäste wollen auch mal ihre Ruhe haben”, unterbricht ihn der Cordanzug wieder,

-“Aber ich wollte doch nur … Ich versteh das alles nicht mehr…” setzt der arme Mann verzweifelt an, läuft an mir vorbei, ich habe den Kopf sicherheitshalber wieder gesenkt, und verlässt den Zug.

Ich mache die Musik wieder an, lehne mich zurück – und mache sie wieder aus.

-‘Was bist Du für ein Mensch, der da nicht einschreitet und den Anzugträger zurechtweist? Schämst Du Dich nicht?’

-‘Aber wieso ich? Es gibt doch genügend andere Fahrgäste’.

-‘Weil Du für Dein eigenes Verhalten verantwortlich bist und eigentlich so erzogen wurdest, dass Du mit auf die schwächeren Menschen in der Gesellschaft achtest. Miß die Anderen erst an Deinen Ansprüchen, wenn Du sie selber erfüllst’.

– ‘Ich werde dem Mann beim Aussteigen etwas sagen. Ich werde ihm sagen, dass ein solches Verhalten anderen Menschen gegenüber nicht angebracht ist’.

-‘Wie armselig Du bist! Stehst nicht mal zu Deinem voyeuristischen Interesse und nimmst die Kopfhörer nicht ab, obwohl Du zuhören wolltest!?’

-‘War doch nur aus Höflichkeit’.

-‘Höflichkeit! Ha! Hättest Du höflich sein wollen, hättest Du den jungen Mann bitten sollen, sich zu Dir zu setzen und Dir seine Geschichte zu erzählen. Das wäre menschlich gewesen! Einfach mal zuzuhören!’

-‘Jemand, der auf der Straße lebt, sich um seine Mitmenschen kümmert, etwas unternimmt… – ich hätte ja auch zur Polizei gehen können oder nebenan bei Primark eine 5€-Hose kaufen können, das wäre immerhin etwas gewesen. Aber nein, stattdessen haste ich nur vorüber, denke über die Ungerechtigkeit in unserer “Gesellschaft” nach und fühle mich moralisch überlegen, wenn ich alle zwei Wochen mein Kleingeld einem Bettler gebe. Wie intelligent, wie wohlerzogen, wie human, ja wie rein muss ein solcher Mensch sein? Ich muss mich schämen’.

Endstation, einige Minuten später. Der Anzugmensch und ich steigen aus, zu mehr als einem bösen Blick reicht es nicht.

2.

Eine junge Muslima und ihr Begleiter sitzen mit einigen Tüten voller türkischer Backwaren in der vollen U-Bahn. Der Verkäufer einer Obdachlosenzeitung bittet um Spenden. Während der Obdachlose seine Runde durch den Waggon dreht,

eisiges Schweigen. Angestrengtes Musikhören. Angestrengtes aufs-Handy-starren. Angestrengt starre Blicke.

spricht die Frau auf ihren Begleiter ein und als der Bettler an ihnen vorbeigeht, reichen sie ihm eine volle Tüte Sesamkringel und Gözlemes.

—-

Nachmittags in der vollen U-Bahn setzt sich ein auf Gehhilfen angewiesener Obdachloser auf eine Bank und beginnt, sein Erbetteltes zu zählen. Dabei fallen ihm aus Versehen einige Münzen aus der Hand. Einige Zeit müht er sich vergeblich, das verstreute Geld einzusammeln. Wahlweise interessieren sich die Fahrgäste brennend für seine unbeholfenen Versuche oder sie üben sich erfolgreich im Ignorieren. Irgendwann steht eine von KaDeWe-Taschen umgebene, in Luxuskleider gehüllte und mit High-Heels ausgestatte Dame auf, krabbelt auf allen Vieren durch das Abteil und hilft dem Obdachlosen, sein Geld zusammenzusammeln.

3.

“Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wie viel Uhr es ist?”

“Wie heißen Sie?”

“Das ist ein toller Name – wie der große, flammende Prophet. Gott sei mit Dir. Ich habe das alles gelesen, in F. Dort gibt es eine große jüdische Bibliothek. Damals habe ich dort so viele Stunden verbracht. Ich kenne sie alle – Spinoza, Mendelssohn, Maimonides, Sholem, aber mein Gedächtnis. Ich weiß nicht mehr. Der Alkohol, weißt Du. Setzen wir uns dort vor die Einfahrt. Was machst Du?”

“Weißt Du, ich habe früher Gounod geliebt. Jetzt hat es keinen Sinn mehr zu lieben. Wozu noch? Mit mir ist es doch vorbei. Du magst Beethoven? Ja, ich fand ihn nie so aufwühlend wie ihr Deutschen immer meint. Die Bachsche Ordnung kommt doch stark durch, anfangen zu fühlen kann ich erst bei Tschaikowsky. Wie ich hier gelandet bin? Ich wohnte nicht weit von hier in einer kleinen Wohnung. Ich habe Germanistik an der FU studiert und vor ein paar Jahren ist mein alter Vermieter gestorben. Seine Söhne haben das Schloss einfach ausgetauscht. Ich kam nicht mehr rein und an die Polizei konnte ich mich doch nicht wenden.

Wissen Sie, mein Vater war Offizier beim Militärgeheimdienst der UdSSR. Er hat als einfacher Ingenieur begonnen und ist dann irgendwann zum Geheimdienst gegangen. Dass Väterchen Stalin kurz vor seinem Tod beschlossen hatte, alle Juden in Sibirien einzusperren und dass er nur Dank Gottes Hilfe rechtzeitig getötet wurde, das weißt Du aber? Stell Dir vor, Du landest im wahren Archipel GULAG! Mein Vater war ein hohes Tier beim GRU. Über die amerikanischen Geheimprogramme P. und B. kannst Du alles in der Bibliothek in F. nachlesen. Reichst du mir bitte die Cola? Ich habe keine Zigaretten mehr und mein Blutdruck, bald ist es vorbei…”.

“Ich habe geheiratet. Das war nicht der Fehler, aber … – mein Mann war ein hohes Tier bei Bayer, also musste ich aus Sankt Petersburg mit ihm nach Berlin ziehen. Ja, das war der Fehler: er wollte Kinder – ich wollte keine. Jetzt ist er weg. Aber ich kann doch keine Kinder in die Welt setzen, wenn die ständiger Lebensgefahr ausgesetzt wären?! Wie Kafka es in seiner Strafkolonie beschrieben hat, so wären sie gefoltert worden. Welche Mutter wird nicht wahnsinnig, wenn ihr Kind gebrochen wird? Einfach ausgesperrt haben die mich. Weißt Du, ich kenne Putin persönlich”.

“Die Amerikaner hatten nach 9/11 Angst, dass sie atomar angegriffen werden würden und haben für ihre fliegende Kommandozentrale eine sichere und geheime Basis gesucht. Mein Vater hat den einzigen Ort auf der Welt gekannt. Aber er hat es nicht gesagt und sie haben ihn mitgenommen. Und jetzt suchen sie mich, ich bin die letzte, die den Ort kennt. Seit Jahren verfolgt mich die CIA. Also Putin, das war vor vielen, vielen Jahren. Kurz nach der Wende als er noch Offizier in Petersburg war. Wir hatten unseren Journalisten-Klub am L.-Prospekt und als ich eines Nachmittags da zum Tee trinken hinging und mich an meinen üblichen Tisch setzte, gab es einen unbekannten Mann dort. Ich machte, wie es meine Art war, heute habe ich keine Kraft mehr dazu, Witze und heiterte die gesamte Runde – bis auf den Neuankömmling – auf. Als ich ihm daraufhin sagte, wer missgestimmt durchs Leben gehe, werde früher sterben, warf er mir nur einen eisigen Blick zu und verließ die Runde. Ich fragte, wer der Unbekannte gewesen sei: ‘Wladimir Wladimirowitsch Putin’ bekam ich zur Antwort und wer ihn beleidige, sei auf ewig sein Todfeind.”

“Natürlich schlafe ich nicht in diesen Unterkünften, die warten doch nur darauf, mich dort festzunehmen. Ich habe einen deutschen Pass, aber der BND wird mich trotzdem einsperren, sie foltern mich dann. Ich habe einmal in einer katholischen Frauenunterkunft geschlafen. Am Morgen habe ich meinen Koffer dort gelassen, damit ich ihn nicht in der Stadt mit mir rumschleppen müsste. Als ich zurückkam, suchte eine andere Frau ihre Sachen. Man hat sie bei mir im Koffer gefunden. Gott ist mein Zeuge, dass ich noch nie geklaut habe, sie haben nur nach einem Vorwand gesucht, die Polizei rufen zu können, damit man mich festnehmen kann. So schnell bin ich noch nie gerannt”.

“Eine Familie hat mir ein Handy gegeben, ich habe vorhin mit meiner Mutter telefoniert. Ich will sie noch einmal sehen, bevor ich sterbe. Wohnst du in der Nähe? Kann mich ganz oben ins Treppenhaus legen, morgen Früh bin ich vor allen anderen weg”.

“Gott segne Dich trotzdem. Musik zu machen, ist die schönste Gabe, die es gibt. Habe ich Dir von den Tentakeln erzählt, die die Welt zusammenhalten?”

4.

Einsam

Durch rastlose Straßen
Unruhigen Schrittes ging
Versunken in Gedanken
Er.

Vielfühlend nichtsfühlend
Fest irrenden Blickes
Und unstetig eilend
Strebte er
Wohin?

Fahle Masken dunkle Fratzen
Verheißungsvoll drohend Unbekanntes
Rosige Wangen lockendes Bangen
Einsame Massen
Warum?

Im Labyrinth verloren
Blind wie ein Sehender
Taub wie ein Hörender
Bleibt er stumm.
Allein.

Grafiken: Sebastian Lörscher,
Notunterkunft

Anmerkungen


Die drei Texte basieren auf persönlichen Erlebnissen.

Die dargestellten Szenen sollen zu einer Selbstreflexion über den eigenen Umgang mit Menschen am Rand der Gesellschaft einladen. Nach Schätzungen waren 2018 in Deutschland 678.000 Personen wohnungslos. In Berlin sind es bis zu 50.000 Wohnungslose, von denen nach Expertenmeinung ca. 6.000 bis 10.000 obdachlos sind.

Obdachlose Menschen sind mit vielfältigen Problemen konfrontiert, von fehlenden Krankenversicherungen, über gesundheitliche Probleme, bis hin zur gesellschaftlichen Stigmatisierung. Durch die vielen Schlafplätze auf Straßen oder in Parks, die vielen Obdachlosencamps, die zahlreichen bettelnden und Flaschen sammelnden Menschen sowie durch die mediale Berichterstattung haben sich viele an das Phänomen gewöhnt. Diese Sichtbarkeit birgt jedoch Gefahr, einer persönlichen Abstumpfung Vorschub zu leisten und zeigt gleichzeitig den dringenden gesellschaftlichen und politischen Handlungsbedarf.

Die Illustrationen wurden uns freundlicherweise von Sebastian Lörscher zur Verfügung gestellt. Sie entstammen seiner gezeichneten Reportage Schatten der Gesellschaft. http://www.sebastian-loerscher.de/ @sebastianloerscher

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