Welche Schwierigkeiten haben sich aus der digitalen Lehre ergeben? Gab es auch positive Effekte?

DIGITALE LEHRE AUS SICHT DER DOZIERENDEN

Petra Darimont,
Selbstgenähte Stoffmaske aus eigenem Schnitt

Enrico Stolzenburg, Professor für Szene im Studiengang Schauspiel

Wir bilden für das zeitgenössische Theater aus und verstehen uns als Labor. Wer bei uns studiert, erfährt eine Ausbildung in verschiedensten Spielweisen, trainiert Techniken, erwirbt Handwerk und lernt obendrein, das eigene Wissen in der Praxis schon während des Studiums ständig zu überprüfen. Was auch bedeutet, es selbständig weiterzuentwickeln. Nach vier Jahren verlassen selbstbewusste, kreative und kritische Künstlerpersönlichkeiten unseren Studiengang. Unsere sehr körperbetonte Ausbildung lässt sich digital nicht vermitteln. Ich vergleiche das gern mit dem Sport: Ein Fußballspiel können sich Leute vom Schreibtisch aus per Bildschirm anschauen – dafür trainieren können sie auf diese Weise nicht. Insofern waren die Schwierigkeiten fundamental. Wir sind überzeugt, dass unsere Kunstform Theater erst dann beginnt, wenn mindestens zwei Menschen spielen und mindestens eine Person zuschaut. Ohne Gegenüber in einem Raum ohne Publikum zu sein – das war während des ersten Lockdowns wochenlang die traurige Realität, mit der wir umgehen mussten. Theater als eine Kunst im Ensemble fand nicht mehr statt.

Durch viel Überzeugungsarbeit und die Erstellung eines Hygienekonzepts konnten wir bereits Ende Mai 2020 unsere Arbeit in kleinen Gruppen wieder aufnehmen. Die beiden Fabriketagen, die wir nutzen, verfügen über große Räume mit besten Lüftungsmöglichkeiten, sie sind über drei Treppenhäuser zu begehen und erwiesen sich in der Pandemie als Glücksfall. Dennoch hatten wir ganz massiv mit dem Verlust wesentlicher Teile unserer Ausbildung zu tun. Üblicherweise kooperieren wir in vielfältiger Weise, unter anderem mit den großen Berliner Theatern, unsere Studierenden spielen dort unter Originalbedingungen ihrer späteren Berufspraxis mit Profis zusammen. Wir zeigen jährlich im Herbst ein Ensembleprojekt auf der großen Bühne des UNI.T in der Fasanenstraße – in den letzten Jahren immer ein Publikumsrenner bei der Bevölkerung, regelmäßig vor ausverkauftem Haus. Unsere Studierenden sind bei Arbeiten des Regieinstituts öffentlich zu sehen. Und unsere Prüfungen im Hauptfachunterricht finden üblicherweise immer vor Publikum statt. Das alles musste ausfallen, bzw. unter sehr eingeschränkten Bedingungen stattfinden. Bis heute, bzw. heute wieder, sind die Berliner Theater geschlossen, zum Teil darf weder gespielt noch geprobt werden. So ist die Situation im Berufsfeld. Dank der Labor-Bedingungen können wir weitermachen, sind wir immer noch live dabei. Im Bewusstsein dieser Ausnahmesituation schützen wir unsere Arbeitsbedingungen durch Achtsamkeit und verantwortungsvolles Handeln. 

Falls ich einen positiven Effekt benennen müsste, wäre das der, dass wir uns der Verletzbarkeit unserer Kunst bewusst geworden sind. Und dass wir jede Stunde Präsenz-Unterricht doppelt wertschätzen.

Ina Bierstedt, Gastdozentin für Malerei und Zeichnen am Institut für Kunst

Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir mehr Verantwortung füreinander tragen, wo durch Vereinzelung alles unübersichtlicher wird. Wir sollten noch aufmerksamer sein, wir Lehrenden zum Beispiel dafür, dass uns einzelne Studierende nicht entgleiten.

Manche Studierende haben während der Pandemie Ängste, Verluste, finanzielle Probleme und Heimweh zu ertragen und es ist eine besondere Herausforderung in der digitalen Lehre, dem zu begegnen. 

In der räumlichen Distanz des Videobildes fehlen Informationen, die sich ansonsten ganz nebenbei vermitteln. Ein persönliches Gegenüber macht es mir leichter, die spezielle Frage und Kraft der einzelnen Studierenden aufzuspüren, zu Tage zu fördern und ins Bild zu bringen. Dazu kommen die Vorzüge der gut ausgestatteten und großzügigen Räume der UdK, wodurch sich andere Dimensionen im Bild erschließen. 

Mir fällt auf, dass derzeit wirklich viele Leute, auch in meinem Alter, ausdauernd Medien konsumieren. Es gibt eine Verengung der Blickwinkel und des Beobachtungsraumes. Dagegen gilt es unbedingt, den Blick zu weiten. 

Für mich ist es recht angenehm, dass viele Wege wegfallen. Das bringt mehr Ruhe in den Alltag. In den vergangenen Jahren habe ich an mehreren Orten gleichzeitig gelehrt. Das war körperlich anstrengend und obwohl ich mit der Bahn gefahren bin, letztendlich ökologisch bedenklich. Manche Wege lassen sich jetzt vielleicht vermeiden.

Für mich hat sich viel erweitert, es haben sich auch gerade durch die digitalen Lehrmethoden neue Möglichkeiten und Horizonte ergeben. Präsentationen, wie Referate beispielsweise, funktionieren wunderbar. Die Zugänglichkeit, die Möglichkeit der Nutzung und Zunahme der Vielfalt digitaler Bilder im Netz hat zu erfreulichen Entwicklungen geführt, zu einer Sichtbarmachung bisher wenig bekannter malerischer Haltungen. Ich finde es allerdings unbedingt notwendig, dass die Urheber*innen von der digitalen Nutzung ihrer Werke profitieren. 

Insgesamt habe ich die direkte Ansprache, Spontanität, Humor und gegenseitige Aufmunterung wieder neu schätzen gelernt. 

Diego Apellániz M.Sc., Ph.D. Candidate, Research Associate am Lehrstuhl für Konstruktives Entwerfen und Tragwerksplanung (KET) im Studiengang Architektur

Selbstverständlich erfordern digitale Vorlesungen eine längere Vorbereitungszeit. Da das Lehrformat vor einem Bildschirm zudem für die Studierenden relativ anstrengend ist, haben wir die Vorlesungszeit verringert und versuchen stattdessen, den Studierenden zusätzliche Lehrressourcen wie digitale Übungen und Aufnahmen zur Verfügung zu stellen.

Ich kann mich nicht beschweren. Es gibt andere Menschen, denen es unter den aktuellen Umständen deutlich schlechter geht als mir. Trotzdem würde ich mich freuen, wenn mehr Restaurants in der Nähe der Universität Essen zum Mitnehmen anbieten würden. Ich habe kürzlich viel zu oft „Steinecke“ besucht.

Janina Audick, Professx Bühnenraum, Studiengangsleitung Bühnenbild an der Fakultät Darstellende Kunst

Es gab den Verlust der Latenz im Austausch, der beiläufigen Kommunikationen, der sozialen Plastik “Kunst-Studium”. Nicht alle Studierenden sind gleich gut erreichbar, haben verschiedene technische Ausstattung. Berlin und die Universität wird teilweise nicht mehr als sicherer Ort empfunden. Es verzeichnet sich eine Heimflucht ins Elternhaus zurück. Die Vergemeinschaftung, die ein gemeinsam geteilter Raum ermöglicht, bricht zusammen. Übrig bleiben Individuen auf der Suche nach Zusammenhang und Lehrende, die diesen mühsam über fragile Kanäle herzustellen versuchen. Die Grenzen zwischen der Arbeit, dem Leben und der Freizeit sind verschoben. Man hat den Eindruck, dass man jetzt viel mehr arbeitet und erreichbar ist als sonst. In unserer Branche hat die Pandemie auch dazu geführt, dass nun viele Projekte im Theater oder Film verschoben worden oder abgesagt sind. Für die jüngere Generation bedeutet das viel Unsicherheit und prekäre Arbeitsweisen. 

Eher nicht. Allerdings hatten wir die Möglichkeit eine zukunftsgenössische Grundraumbühne im Hebbel am Ufer zu gestalten mit der wir uns mit den schwierigen Bedingungen für Kultur, Bühne und Gesellschaft analog auseinandersetzen konnten. Ach ja, und vielleicht wird uns eine reibungslos funktionierende Internetleitung in die Büros und Ateliers verlegt. 🙂

Positive Effekte zeigen sich eingeschränkt dadurch aus, dass der Unterricht von überall stattfinden kann und nicht ortsgebunden ist. Studierende, die derzeit nicht in Berlin sind, können über Online-Plattformen wie Zoom oder Webex in der Diskussion und bei den Vorträgen teilnehmen. Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, dass man an einem Tag an mehreren Orten sein kann, ohne dass man die Wohnung verlassen muss. Auf die Dauer aber, hat dieser Digitale Umgang eine sehr erschöpfende Wirkung.  

Susanne Lorenz, Professorin der Grundlehre am Institut für Kunst 

Es gibt manifeste soziale Defizite und psychische Probleme unter den Studierenden und es gibt drückende finanzielle Probleme durch den Weg- oder Ausfall von Jobs bei Studierenden wie auch bei Lehrbeauftragten ohne feste Verträge. Einige Studierende, vor allem diejenigen, die nicht aus Deutschland kommen, sind teilweise von ihren Familien getrennt und häufig in Sorge.

Einige Studierende leben wieder bei ihren Familien, obwohl sie schon ausgezogen waren. Räumlich und technisch gibt es nicht immer gleich gute Voraussetzungen für die Online-Lehre und das Arbeiten zu Hause.

Normalerweise können aber alle Studierenden, egal wo sie sich derzeit aufhalten, teilnehmen am Angebot, und das ist wirklich enorm wertvoll.

Was unsere Einstellung zu Datensicherheit und Verbreitung digitaler Spuren betrifft, hier mache ich mir gesteigerte Sorgen. Trotz meiner einigermaßen sorgfältigen Einstellung dazu ist meine Zurückhaltung an dieser Stelle im “Affekt” der Pandemie deutlich zurückgedrängt     worden, die Notwendigkeit, Kontakt zu halten, hat mich überfordert im Hinblick auf einen gut recherchierten und differenzierten Softwaregebrauch. Auch in den Schulen meiner Töchter wird darüber zu wenig diskutiert, alle haben ein und dieselbe Software, individuelle Vorbehalte sind schwer durchzusetzen, wenn die Klasse grundsätzlich im Kontakt stehen will.     Aber natürlich muss man sich immer wieder selber und andere wachrütteln und diese Dinge diskutieren und sich ggf. für Alternativen einsetzen und sie weiterempfehlen.

Ich bin sehr dankbar, mit einem fantastischen Team zu arbeiten, das sich auch in dieser Situation in regem Austausch befindet und sich gegenseitig unterstützt. Wir lernen alle seit einem Jahr noch einmal ganz anders dazu.

Für fast alle von uns gab es mit Beginn der Pandemie eine riesen Herausforderung besonders in technischer Hinsicht, aber natürlich auch im Hinblick darauf, was in einer bisher von uns nicht praktizierten Online-Lehre Sinn macht, nicht möglich oder ganz anders zu probieren ist. Wir haben uns hier intensiv gegenseitig gespiegelt und gefördert und auch mit den Studierenden zusammen ausprobiert und gelernt. 

Mittlerweile scheinen wir alle einigermaßen versiert zu sein, ich werde mich allerdings nicht zum digitalen Nerd entwicklen und weiterhin ausdrücklich die Präsenz-Lehre bevorzugen. Dass wir aber so eng Kontakt halten konnten und können mit allen Studierenden ist sehr gut und liegt neben den technischen Möglichkeiten an der Tatsache, dass wir uns auf etwas eingelassen haben, was zumindest ich freiwillig wohl nicht in diesem Umfang probiert hätte.

Was die soziale Komponente angeht, den Austausch untereinander, hier haben sich auch unsere Tutor*innen viele Gedanken gemacht und bieten regelmäßig Treffen für die Studierenden an, deren Schwerpunkt auf dem sozialen Zusammenkommen liegt. Das ist sehr unterstützend, aber es ersetzt meines Wissens bei niemandem das Bedürfnis nach einem     Treffen vor Ort.

Ich selbst spreche glaube ich für viele, wenn ich sage, dass die Lehre im Online-Format tatsächlich noch zeitintensiver geworden ist, was auch an der vielen digitalen Kommunikation liegt.

Auf der anderen Seite bin ich noch nie so regelmäßig Spazieren gegangen oder habe mich dazu verabredet; diese wunderbar einsame oder gemeinsame Stunde ist mein tägliches Ritual geworden. Wir sind alle gerade besonders gefordert, mit uns und unserer Umgebung in     Kontakt zu sein durch völlig naheliegende oder auch durch neu zu entdeckende Möglichkeiten. Zeit nehmen, den Dingen Zeit geben scheint mir im derzeit überpräsenten digitalen Umfeld ganz besonders wichtig. Die tägliche Selbstinitiative für die eigene künstlerische Arbeit zu finden ist in einer Zeit gedimmten Energielevels besonders anstrengend, aber auch befreiend – wie ein Ausstieg aus der Suppe.

Einerseits ist zu erwarten, dass es mit der Pandemie eine digitale Ausdehnung in bisher davon noch nicht so stark berührte, auch kulturelle Bereiche wie Theater, Konzerte u.a. geben wird. Auf der anderen Seite glaube ich, dass es ein enormes Gegengewicht eines einzulösenden Bedürfnisses nach gesamt-sinnlichen Erkenntnissen geben wird. Schon bei den Studierenden der letzten Jahrgänge war eine gesteigerte Begeisterung besonders für haptische Erlebnisse in     der Wahl von Material und Technik auffällig, die übrigens zeitgleich auch in der Kunstwelt zu beobachten war. Vielleicht gibt es mit der Pandemie diesbezüglich eine weitere Verstärkung und Besinnung auf sinnliche und soziale Bedürfnisse in einer zunehmend differenziert zu handhabenden oder zu durchsurfenden “schönen neuen Welt”.

Washington Barella, Professor für Oboe

Die Pandemie hat unser Leben zumindest vorübergehend völlig auf dem Kopf gestellt. Plötzlich gab es keine Konzerte mehr, keine Probespiele mehr! Niemand konnte sich vor einem Jahr vorstellen, wie gravierend diese Situation werden würde! Die Studierenden sind im Moment völlig demotiviert und ziellos. Wir alle befinden uns mehr oder weniger in so einem Zustand. Daher kann ich zumindest für mich sagen, dass diese Pandemie überhaupt nichts Positives mit sich gebracht hat!

Ich wünschte uns allen eine Politik, die mehr macht und weniger redet.

Petra Darimont, Künstlerische Lehrkraft Textil am Institut für Kunst

Die Arbeit mit einzelnen Studierenden oder kleinen Gruppen ist ein sehr intensives Lernen, aber in absoluten Zahlen ist der „Durchlauf“ viel zu gering, und das bei einem erhöhten Lehraufwand. Das wird uns in den folgenden Semestern, wenn wir wieder volle Präsenzlehre haben werden, noch schwer auf die Füße fallen. Wir schieben gerade eine Bugwelle ausstehender Prüfungen vor uns her.

Es gab eine ganze Reihe positiver Effekte: 

  • Die Lehre in kleineren Gruppen ist effektiver: Mein Seminar „Einführung in textile Werkverfahren“ umfasst normalerweise 4SWS. Durch die Reduzierung der Teilnehmer*innenzahl konnte ich auch die SWS auf 3 verringern, ohne Abstriche im Programm machen zu müssen. 
  • Bei der freien Werkstattarbeit beförderte die persönliche Voranmeldung die Pünktlichkeit und führte zu einer größeren Verbindlichkeit der Absprachen.
  • Weniger Lehre bedeutet geringere Ausgaben. Dadurch war es möglich, jede der Teilnehmer*innen des Blockseminars mit einem eigenen Budget auszustatten.
  • Ich habe ein neues Lehrformat eingeführt: ein zusätzliches Einführungsseminar speziell für das Grundschullehramt.
  • Meine digitale Kompetenz hat sich erweitert, aber da ist immer noch viel Luft nach oben.

Jessica Haß, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Fakultät für Gestaltung

Es ist meine grundsätzliche Überzeugung, dass Lernen den sozialen Kontext braucht. Gerade bei zeitgemäßen, konstruktivistischen Lernansätzen, welche die Lernenden ins Zentrum stellen und bei denen die Lehrenden sich eher als Lernbegleitung verstehen, wird viel aus der Gruppe generiert. Damit das funktioniert, braucht es aber Vertrauen in der Gruppe und das entsteht nicht zwischen Studierenden, die sich überhaupt nicht kennen. In Gruppen, die sich bereits vor der Pandemie kannten, lässt sich das noch relativ gut ins Digitale übertragen. Die Erstsemester tun mir aber sehr leid. Die Zeit an der Uni ist schließlich auch etwas ganz Besonderes, an die man sich später normalerweise gern zurückerinnert. Ich wünsche daher niemandem, die Uni unter diesen Bedingungen zu beginnen. 

Ich habe ja bereits einige Vorteile bezüglich neuer Formate erwähnt. Was ich ansonsten noch gut finde, ist, dass ich die Namen der Studierenden immer sehe. Ich versuche auch in der Präsenz stets, mir die Namen zu merken, um auch eine persönliche Beziehung aufzubauen. Doch gerade in der GWK haben wir ja wirklich große Gruppen von Lernenden. Selbst in einem einzelnen Seminarzug sind es manchmal bis zu 30 Leute. Das Auswendiglernen geht durch Webex viel schneller als in der Präsenz. Vieles wird tatsächlich auch persönlicher. Man sieht die Katze vorbeilaufen, die Studierenden in Sesseln sitzen, man prostet sich mit der Kaffeetasse zu. Dadurch kreiert die Online-Lehre manchmal, paradoxerweise, mehr Nähe. Das ist schön. 

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