Wie geht es Ihnen unter den aktuellen Umständen, was hat sich für Sie verändert? Mussten Sie Ihr Lehrformat den Bedingungen der Covid-19-Pandemie anpassen?

DIGITALE LEHRE AUS SICHT DER DOZIERENDEN

Ina Bierstedt, Inside OUTWORK, 2021, Installationsansicht, Foto von Assemblage aus Papier, Farbe, Tarnstoff, 220 x 145 cm
Foto: Martin Pfahler

DIGITALE LEHRE AUS SICHT DER DOZIERENDEN

Petra Darimont, Künstlerische Lehrkraft Textil am Institut für Kunst

Ich bin sehr froh, dass die künstlerischen Werkstätten der Fakultät Bildende Kunst unter die Kategorie „zwingend erforderliches Praxisseminar, das digital nicht umsetzbar ist“ fallen und uns der Stufenplan der Berliner Hochschulen mittlerweile erlaubt, einzelne Studierende und auch Kleingruppen wieder in Präsenz zu unterrichten – selbstredend unter Einhaltung der Abstands-und Hygieneregeln. Wie auch immer es unserer Hochschulleitung gelungen ist,diesen Status für uns auszuhandeln – ob durch beinharte Argumentation einmal mehr der Sonderstatus der Künste heraufbeschworen werden musste oder ob der Ball bewusst flach gehalten wurde und die künstlerische Lehre der UdK im Windschatten der Dickschiffe FU, TU und HUB mitgeschwommen ist, die diesen Status für ihre Klinik-und Laborformate ausgehandelt haben, die Strategie ist aufgegangen und war zielführend!

Rückblickend auf den Beginn des Lockdowns muss ich schon sagen, dass mich die Vorstellung, im Sommersemester 2020 können nur Online-Seminare stattfinden, schon in eine persönliche Krise gestürzt hat. Da ich alles andere als ein digital native bin, habe ich es erst einmal als persönliche Unzulänglichkeit gesehen, dass ich für mein Lehrgebiet „Werkstatt Textil“ so garkeinen Plan hatte, wie ich meine gängigen Lehrveranstaltungen in Online-Formate übersetzen könnte. In meinem zweiten Lehrgebiet, dem „Wahlpflichtbereich Design“ (was ein künstlerisch-wissenschaftliches Modul für das Lehramt ISS /Gym ist), konnte ich zumindest den Theorieanteil online anbieten. Mit der Hilfe meiner Tutorin habe ich eine Dropbox mit einführenden Texten und Referatsthemen eingerichtet, einen neuen E-Mail-Account speziell für die Kommunikation mit den Seminarteilnehmerinnen erstellt und die Videokonferenzen über Cisco Webex bewältigt. Ohne sie hätte ich mehr als einmal heulend vor meinem Laptop gesessen…

Die Kommunikation in Zeiten des Lockdowns ist ein ganz trauriges Kapitel. In den Videoseminaren ist oftmals die Verbindung schlecht gewesen. Von 10 Seminarteilnehmer*innen ist bestenfalls die Hälfte auf dem Bildschirm zu sehen. Die andere Hälfte muss ihre Kameras ausgeschaltet lassen, sonst sehen sie die Bildschirmübertragung der Referentin nicht mehr. Man spricht also irgendwie immer ins Leere. Dafür gewinnt die E-Mail-Korrespondenz als nahezu einziger Kommunikationskanal enorm an Bedeutung. Die schriftliche Versprachlichung eines Sachverhalts, sei es in Form einer Frage oder einer Antwort, erfordert hohe sprachliche Präzision. Da kann der Schriftwechsel schnell mühsam und unbefriedigend werden: man tippt sich die Finger wund und redet doch genial aneinander vorbei! Im direkten persönlichen Gespräch sind Kommunikationsfallen viel leichter aufzulösen als im sperrigen Medium der schriftlichen Rede und Gegenrede, nicht zuletzt auch durch das soziale Gleitmittel des Humors.

Im Lockdown-Sommersemester 2020 habe ich keine Werkstattlehre angeboten. Stattdessen habe ich mein Wahlpflicht-Seminar ‚Linie im Raum – Line as Object’ aufgesplittet: in einen Online-Theorieteil und einen Teil der künstlerischen Praxis als Blockseminar vor Beginn der Vorlesungszeit des Wintersemesters 2020/21. Als Präsenzveranstaltungen mit Kleingruppen im Wintersemester 2021 wieder möglich waren, habe ich die Anzahl meiner Einführungsseminare verdoppelt – bei halbierter Teilnehmer*innenzahl. Einzelarbeitstermine erfolgten nur mit persönlicher Voranmeldung.

Susanne Lorenz, Professorin der Grundlehre am Institut für Kunst

Mir persönlich geht es gut. In Bezug auf die Studierenden bekomme ich allerdings mit, wie schwer es ist, ein Studium zu starten ohne den üblichen intensiven Austausch untereinander in Präsenz, der nicht nur grundsätzlich, sondern ganz besonders im ersten Studienjahr so wichtig ist. Die Kontakte, die hier entstehen, sind meiner Erfahrung nach sehr besondere soziale Zweige, die über das gesamte Studium und alle Fachklassen hinweg weiter wachsen.

In der Lehre haben wir für die ersten 3 Semester der Grundlagen Formate entwickelt, die es ermöglichen, in kleinen Gruppen von ca. 5 Studierenden tatsächlich alle praktischen Formate durchzuführen.

Die Lehre in den kleinen Gruppen ermöglicht uns, zwischen online und Präsenz zu wechseln, je nachdem, was gerade möglich ist. Ab Studienbeginn bis zum Lockdown konnten wir somit weitgehend in Präsenz arbeiten, in den letzten Monaten allerdings dann leider nur noch online. Die Online-Lehre hat natürlich sehr viele Nachteile und scheint dem, was wir üblicherweise an individueller künstlerischer Lehre schätzen, völlig zu widersprechen. Immens eingeschränkt sind vor allem die gemeinsamen Erkenntnismomente über Materialverständnis, Form- und Formatsensibilität, Haptik. Und durch die für das Hybrid-Format notwendigen kleinen Gruppen treffen die Studierenden mit weniger Kommiliton*innen zusammen als normalerweise. Die Verbindlichkeit allerdings ist derzeit ganz besonders hoch, wahrscheinlich, da alle Lehrenden noch intensiver als sonst auf jede einzelnde Person eingehen und den Studierenden vielleicht noch mehr an Austausch untereinander gelegen ist. Tatsächlich gibt es eine überraschend intensive Konzentration.

Das Plenum, das ich jede Woche in kleinen Gruppen online durchführe, habe ich in dieser Hinsicht tatsächlich sehr positiv erlebt. 

Wenn ich allerdings zu den Einzelgesprächen an die Uni komme, die ich über die gesamte Zeit vor Ort durchführen konnte, falten sich die Sinne auf im Zusammenkommen von Mensch, Raum und künstlerischen Entwicklungen. Wie flach die Sinne gedrückt werden im Bildschirm und wie überfokussiert der Sehsinn ist, das ist in allen Arbeitsgesprächen vor Ort, auch in der Besprechung von Video- und Fotoarbeiten offenbar.

Lucas Blondeel, Professor für Klavier am Institut für künstlerische Ausbildung:

Beim Unterrichten habe ich mich zu Beginn sehr gegen die digitale Umsetzung gewehrt. Es fiel mir schlussendlich leichter als ich dachte, und digitaler Unterricht ist mit Sicherheit besser als kein Unterricht, es war jedoch nur mittelfristig produktiv. Wenn die Verbindung gut funktioniert hat und man sich gut kannte, ging es meist. Meist habe ich mir Videos schicken lassen und sie anschließend im Zoom-Meeting besprochen. Denn Klang, Gefühle lassen sich Online sehr schwer übertragen. Zum Glück konnten wir an der Musikfakultät relativ bald wieder zumindest in Einzelstunden in Präsenz unterrichten. Was den Studierenden jedoch fehlt, ist das Miteinander, die Vorspiele, der Austausch unter ihnen.

Enrico Stolzenburg, Professor für Szene im Studiengang Schauspiel

Für eine Dauer von fünf Wochen – der Semesterstart im Sommer war ja um eine Woche verschoben worden – waren wir bis 19. Mai 2020 komplett im Digitalmodus. Im Rückblick erscheint mir das sehr kurz, damals war das eine Ewigkeit, weil die vielen Stunden am Computer am Körper zehrten. Das bedeutete konkret, dass ich mich mit den Studierenden statt live als Gruppe einzeln per Online-Sitzung traf. In dieser Situation, eins-zu-eins, verständigten wir uns mittels Aufgaben, die ich ihnen stellte. Von Tag zu Tag schickten mir die Studierenden kurze Filme, in denen sie die Skizzen ihrer schauspielerischen Übungen zeigten. Diese besprachen wir dann gemeinsam. Ich gab ihnen Feedback, beschrieb, was ich sah und welche neuen Varianten sich daraus ergeben könnten. Parallel entstand auf diese Weise in einem Fall sogar ein künstlerisches Projekt – ein Live-Format auf Instagram – das im Rahmen eines Open Calls platziert war und später auch digital während KUNST RAUM STADT lief. Für diese Demonstration der Künste, die anstelle des Rundgangs stattfand, waren wir übrigens mit dem gesamten Studiengang dabei, mit knapp 40 Studierenden draußen auf der Straße, am Ernst-Reuter-Platz, Breitscheidplatz, Savignyplatz, im Tiergarten. Das gab es vorher so noch nicht! 

Jessica Haß, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Fakultät für Gestaltung:

Ich musste mein Lehrformat anpassen. Ich habe aber festgestellt, dass sich viele Lehrmethoden gut ins Digitale übersetzen lassen. Ich habe zum Beispiel kürzlich eine Projektwerkstatt mit circa 80 Studierenden über Webex durchgeführt, was erstaunlich gut geklappt hat. Aber an anderen Stellen ist man didaktisch auch wieder eingeschränkt. Dann gibt es ein paar Methoden, auf ich ohne das Live Online-Training nicht gekommen wäre. Hätten Sie mich vor anderthalb Jahren gefragt, ob man mit E-Learning gute Ergebnisse erzielen kann, hätte ich auf jeden Fall verneint. Ich hätte nicht erwartet, dass Programme wie beispielsweise Webex so viele Tools haben. So gibt es die Breakout-Rooms, das Whiteboard, Umfragetools und etliche weitere Zusatzfunktionen. Wenn man ein bisschen out of the box denkt, kann man damit noch viel mehr machen und die einzelnen Möglichkeiten auch mal zweckentfremden. So kann man die Kommentarfunktion beispielsweise für Aufstellungen unter den Studierenden nutzen. 

Ich freue mich aber dennoch wieder sehr auf die Präsenzlehre und ich verstehe gut, dass vielen Studierenden die Decke auf den Kopf fällt. Aber wenn sich in Zukunft ein Blending-Format, also ein Mix aus Online- und Präsenzlehre etablieren ließe, fände ich das sehr sinnvoll und wünschenswert. Es gibt eben auch Aspekte, die einfach praktisch sind. Wenn ich sehe, dass sich Studierende mal aus dem Zug zugeschaltet haben. Das wäre in Präsenz nicht gegangen.

Washington Barella, Professor für Oboe

Am Anfang des Onlineunterrichts musste ich lernen, effizienter zu arbeiten, indem ich eine Partitur vor mir hatte und eine bestimmte Anzahl an Takten bestimmt habe, die meine Studierenden spielen sollten. Auf diese Weise war es dann klar, wann sie aufhören zu spielen und ich zu reden anfangen durfte! Die Internetverbindung war meistens nicht optimal, was die Arbeit sehr erschwert hat. Zum Glück haben wir in der Musikabteilung dank unserem Dekan Eckart Hübner, der gezielt an Strategien für das „Wiederaufmachen“ gearbeitet hat, schon Ende Mai letzten Jahres wieder mit dem Präsenzunterricht anfangen dürfen. Dadurch musste ich zum Glück nicht zu lang online unterrichten.


Diego Apellániz M.Sc., Ph.D. Candidate, Research Associate am Lehrstuhl für Konstruktives Entwerfen und Tragwerksplanung (KET), Studiengang Architektur

Meine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der UdK hat erst einige Monate vor dem ersten Lockdown angefangen, deswegen kenne ich die Arbeit an der Universität leider hauptsächlich unter den aktuellen Umständen. Die größte Änderung für mich war die Digitalisierung. Alle unsere Lehrveranstaltungen finden nur digital statt. Und wir müssen auch die Forschung und Verwaltung digital koordinieren. Obwohl unsere Studierenden und Tutor*innen sehr engagiert sind und diese Aufgaben ziemlich leicht für uns machen, vermisse ich natürlich sehr die Präsenz an der Universität.


Janina Audick, Professorin Bühnenraum, Studiengangsleitung Bühnenbild, Fakultät Darstellende Kunst

Räumliche Projekte im Rahmen des Unterrichts zu realisieren, war nicht mehr möglich. Im Sommer konnten die Studierenden einzeln oder zu zweit im Freien arbeiten, allerdings ohne den direkten Austausch mit den Komilliton*innen. Dieser war auch über WebEx nur ein Ersatz. Nicht überflüssig, aber bei Weitem nicht vergleichbar mit der üblichen Seminar-Situation.

Wir sind ein künstlerischer Studiengang, in dem die Auseinandersetzung mit der Materialität, Räumlichkeit und Stofflichkeit ein wichtiger Bestandteil der Lehre ist. Das Lernen und Lehren ist außerdem ein sozialer Prozess und wenn dieser nicht in der Präsenz stattfinden kann, dann ist auch die Vermittlung des Wissens erschwert. Was sich verändert hat, ist eben dieses Gefühl: man ist zusammen in einem Raum und erlebt die anderen in ihrer ganzen Gestalt, nicht bloß als unscharfe Bilder auf der Oberfläche, die oft auch stumm sind, einfach weil die Verbindung nicht gut ist.


Ina Bierstedt, Gastdozentin für Malerei und Zeichnen am Institut für Kunst 

Mittlerweile arbeite ich stetig mit den digitalen Medien und lehre im Videomeeting-Format. Ich konnte feststellen, dass es auf diese Weise gelingt, zu aktivieren und auf Aktuelles einzugehen, auch Präsentationen wie Referate funktionieren gut, aber eine Vertiefung in malerische Prozesse gelingt viel besser im Präsenzformat. Die Malerei ist langsam. Das Videoformat bietet dagegen Schnelligkeit und Unterhaltung. 

Die reale künstlerische Produktion in der Malerei ist eigentlich nur selten unterhaltsam. Meiner Erfahrung nach benötigen wir Ausdauer, stetige Beobachtung, Aufmerksamkeit, Geduld und Konzentration. Überraschungen und Sprünge kommen dazu, meist unerwartet. 

Sobald es wieder möglich wurde, mittlerweile gibt es ja so eine schwankende Bewegung, nutzte ich im Sinne der Studierenden die Chance, wieder in die Präsenzlehre zu wechseln. Dafür kämpfe ich stetig. Derzeit habe ich weniger Studierende, viel Abstand, luftige Räume und kleine Gruppen. Nicht nur davon profitieren die Studierenden, sondern auch von gegenseitiger Inspiration, vom Vergleich und Austausch. Auch ist für mich mehr Raum für die individuelle Förderung. 

Die hybriden Formen bringen Bewegung, was gut ist, fordern aber auch mehr Planung und Kommunikation.

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